Heimleiter: „Stationäre Pflege wird schwerer planbar“

Martin Schwarz
Im Neheimer Gesundheits- und Seniorenzentrum „Am Bremers Park“: Altenpfleger Florian Zumrodde hilft Bewohnerin Magdalena Gründel.
Im Neheimer Gesundheits- und Seniorenzentrum „Am Bremers Park“: Altenpfleger Florian Zumrodde hilft Bewohnerin Magdalena Gründel.
Foto: Ted Jones
  • Zum 1. Januar 2017 tritt ein neues Pflegestärkungsgesetz in Kraft
  • Thorsten Vlatten, Geschäftsführer des Neheimer Pflegeheims „Am Bremers Park“, sieht das Gesetz kritisch
  • Geld aus der Pflegeversicherung wird von der stationären auf die ambulante Pflege umgeschichtet

Arnsberg/Sundern.  Mit dem zum 1. Januar 2017 in Kraft tretenden neuen „Pflegestärkungsgesetz“ werden Leistungsbezüge aus der Pflegeversicherung im großen Umfang von stationärer auf ambulante Pflege umgeschichtet. Der Gesetzgeber folgt der Maxime „ambulant vor stationär“.

Über das Thema „Was bedeutetet das neue Geldverteilungssystem der Pflegeversicherung für die stationäre Pflege ?“ sprach unsere Zeitung jetzt mit Thorsten Vlatten, geschäftsführender Gesellschafter des Gesundheits- und Seniorenzentrums „Am Bremers Park“ in Neheim. Am Gespräch nahm auch Pflegedirektorin Regina Bachmann teil.

Grundsätzlich unterstützt Thorsten Vlatten das Prinzip „ambulant vor stationär“, weil der Bedarf an stationären Pflegeplätzen schon heute deutlich größer ist als die vorhandenen Kapazitäten, zudem fehlt es an alternativen Wohnformen und verlässlichen Rahmendaten. Das politische Ziel, ambulante Pflege auszubauen, sei daher durchaus richtig, doch dürfe auf der anderen Seite die stationäre Pflege nicht vor noch größere Probleme gestellt werden. „Unsere Einrichtung und viele andere deutsche Pflegeheime stehen vor dem Problem, aufgrund geänderter Rahmendaten planbare und verlässliche Wirtschaftlichkeit für den Wirtschaftsbetrieb herzuleiten“, soVlatten.

Ungewissheit bereitet Probleme

Vlatten betont, dass ab 1. Januar 2017 nicht plötzlich Pflegeheime in einer finanziellen Krise stecken, sondern vor Ungewissheiten gestellt werden. Dies insbesondere durch deutliche Besserstellung der ambulanten Finanzierung im Pflegestärkungsgesetz II. „Von unseren 80 Bewohnern sind etwas mehr als 60 Bewohner in der alten Pflegestufe 1 oder 2 eingeordnet. Die anderen knapp 20 Bewohner gehören jeweils zur Hälfte in Pflegestufe 0 oder Pflegestufe 3. Hierauf ist unser Personalschlüssel auch gemäß der gesetzlichen Vorgaben eingestellt.“

Thorsten Vlatten weiter: „ In einigen Jahren stehen wir vor einer gewaltigen Managementaufgabe, wenn Bewohner mit hohen Pflegegraden verstorben sind und Bewohner mit niedrigen Pflegegraden nachrücken. Dann ist das Kostensystem neu einzustellen, zumal für die niedrigen Pflegegrade deutlich weniger Pflegeleistung bei der Pflegeversicherung in Rechnung gestellt werden kann. Gleichfalls wird sich das Klientel massiv verändern und wir werden mit deutlich kürzeren Verweilzeiten bei komplexeren Krankheit- und Versorgungsbildern konfrontiert.“

Mit dem neuen Pflegestärkungsgesetz verknüpfen manche Bürger die Befürchtung, dass die Leitung von Pflegeheimen künftig vorrangig Menschen mit hohen Pflegegraden als Bewohner aussuchen könnte, weil hiermit hohe abrechenbaren Pflegeleistungen verbunden sind. So könnten Pflegeheime zu Demenz-Heimen werden, in die Menschen mit nur rein körperlicher Pflegebedürftigkeit, aber voller geistiger Frische nicht mehr einziehen möchten. Diese Befürchtung teilt Thorsten Vlatten aber nicht.

Zum einen würde dies dem Anspruch des Gesundheitszentrum „Am Bremers Park“ widersprechen, für ein gutes Miteinander von körperlich und kognitiv eingeschränkten Bewohnern zu sorgen, zum anderen würde es sich auch ökonomisch nicht rechnen. „Für stark pflegebedürftige Menschen ist auch ein hoher Personalschlüssel mit hoch qualifizierten Kräften vorzuhalten. Diese vielen Fachkräfte muss man auf dem Arbeitsmarkt erst mal finden und dann auch bezahlen“, entgegnet Vlatten kritischen Bürgern.

Zudem seien die Pflegekräfte im Haus am Bremers Park schon heute mit immer ansteigenden Fallzahlen in der Palliativpflege betraut, was auch noch weiter ausgebaut werde. Pflegedirektorin Bachmann sagt: „Es gibt in unserem Haus einige rein körperlich eingeschränkte Bewohner, die dementiell erkrankten Menschen im Alltag gern helfen: zum Beispiel bei gemeinsamen Mahlzeiten ein Getränk reichen. Das nennen wir Tischpartnerschaften.“

Bestandsschutz für Bewohner

Während das Pflegestärkungsgesetz das Management vor neue Aufgaben stellt, können Heimbewohner entspannt aufs neue Gesetz blicken. Sie genießen Bestandsschutz beim Kosten-Eigenanteil an der Pflege. Die Zusatzkosten für Unterkunft und Verpflegung im Pflegeheim sind natürlich weiterhin zu zahlen.

> HINTERGRUND

Aus vier Pflegestufen werden fünf Pflegegrade

Ab 1. Januar 2017 werden die vier Pflegestufen 0,1,2 und 3 abgeschafft. An deren Stelle treten die Pflegegrade 1 bis 5. Die Umrechnung erfolgt immer mindestens „plus1“ bzw. bei Demenz „plus 2“(doppelter Stufensprung).

Hier ein Beispiel: Aus Pflegestufe 1 wird automatisch Pflegegrad 2, ohne dass hierfür der medizinische Dienst eine Einstufung vornimmt. Ist jemand aus Pflegestufe 1 auch schon dementiell erkrankt, erhält er Pflegegrad 3. Soll ein rein körperlich erkrankter Bewohner mit Pflegegrad 2 im Laufe des Jahres 2017 auch dementiell erkranken, so kann der medizinische Dienst eine Höhereinstufung auf Pflegegrad 4 vornehmen.

Das neue Pflegestärkungsgesetz ist für dementiell Erkrankte hinsichtlich der Abrechenbarkeit von Pflegeleistungen deutlich leistungsstärker.