Enkelin reist zu Schlachtfeldern der Ostfront

Katrin Kaiser und ihr Kultur-Objekt
Katrin Kaiser und ihr Kultur-Objekt
Foto: WP
Als die Neheimerin Katrin Kaiser auf dem Dachboden ihres Elternhauses zufällig eine alte Wehrmachtskiste ihres Großvaters Wilhelm Kaiser fand, tauchte sie ein in Erinnerungen an das grauenvolle Geschehen im Zweiten Weltkrieg. Es begann eine historische Spurensuche.

Neheim.. Schon fast 70 Jahre sind vergangen, seitdem deutsche Soldaten erbitterte Schlachten an der russischen Ostfront führten. Vor einigen Jahren kamen die Erinnerungen an dieses grauenvolle Geschehen im Zweiten Weltkrieg wieder hoch, als die Neheimerin Katrin Kaiser auf dem Dachboden ihres Elternhauses zufällig eine alte Wehrmachtskiste ihres Großvaters Wilhelm Kaiser fand. Der damals 34-jährige Soldat kämpfte etwa 100km östlich von Leningrad (heute: St. Petersburg) am Fluss Wolchow. Da der gelernte Bautechniker aus Neheim in seiner Freizeit auch ein leidenschaftlicher Fotograf war, hatte er seine Kamera mit an die Front genommen und dort zahlreiche Bilder gemacht. Genau diese Fotos – mit handschriftlichen Erläuterungen ergänzt - fand die Enkelin in mehreren Soldatenalben. In der Kiste lagen außerdem zahlreiche Negative sowie Feldpostbriefe, die Wilhelm Kaisers Mutter geschrieben hatte

Großvater war Amateur-Fotograf

Für Katrin Kaiser, die sich genauso wie ihr Großvater für Fotografie begeistert, waren die Alben nicht nur ein kleiner fotografischer Schatz, sondern der Ausgangspunkt für eine historische Spurensuche. Katrin Kaiser, die an der Fachhochschule Bielefeld Fotografie studierte, kam auf die Idee, die alten Fotos ihres Großvaters zum Thema ihrer Diplomarbeit zu machen. Hierzu suchte sie im Mai 2011 mehrere Wochen lang die Orte in Russland und auch in Polen auf, wo ihr Großvater als Soldat war. An den damaligen Frontabschnitten machte sie neue aktuelle Fotos – möglichst an der gleichen Stelle, wo ihr Großvater vor fast 70 Jahren gestanden hatte. Diese aktuellen Fotos stellte sie dann den historischen Fotos ihres Großvaters gegenüber. „An einigen Orten hatte sich kaum etwas verändert, woanders war es recht schwierig, die Stelle zu finden, wo mein Großvater damals gestanden hatte“, berichtet die 27-jährige Neheimerin.

Aus der fotografischen Gegenüberstellung „früher – heute“ entwickelte die Studentin dann eine „persönliche Geschichte“ des Zweiten Weltkriegs am Beispiel ihres Großvaters. Die „persönliche Geschichte“ basiert dabei auf Wechselwirkung: Es ist nicht nur die Dokumentation des vom Großvater Erlebten, sondern auch der Erfahrungsbericht der Enkelin, die aufzeigt, wie das Vergangene heute in Russland erlebt wird. Deshalb war es für die Diplomandin von zentraler Bedeutung, nicht nur aktuelle Fotos historischer Stätten zu machen, sondern auch zu dokumentieren, wie die Menschen heute mit der Kriegshistorie umgehen. Über diese Kultur des Erinnerns schreibt Katrin Kaiser in ihrer Diplom-Arbeit: „Die subjektive Wahrnehmung historischer Zusammenhänge aus einer aktuellen Perspektive ist für unsere Kultur des Erinnerns inzwischen prägender als die erneute Darstellung historisch-objektiven Wissens.“

In Russland auf große Hilfsbereitschaft getroffen

„Zu meiner Überraschung habe ich in Russland erlebt, dass die allermeisten Menschen, die heute in den ehemaligen Kampfgebieten wohnen und den Krieg noch selbst miterlebt oder aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen, mir freundlich begegneten und darüber hinaus mich oft mit großem Einsatz bei der Suche nach den Spuren meines Großvaters unterstützten“, erzählt Kaiser und fügt an:„Russische Kriegsveteranen empfanden es als ehrenhaft, dass ich mich als junge deutsche Frau auf den weiten Weg nach Russland gemacht habe.“

Vorbehalte gegenüber einer Frau aus dem ehemaligen Feindesland Deutschland habe sie selten gespürt. „Es war im Gegenteil meistens so, dass ich auf große Hilfsbereitschaft traf, sobald ich in einen der vielen kleine Orte kam, wo mein Großvater Soldat war. So haben mir Lehrer der örtlichen Schulen, aber auch Bürgermeister dabei geholfen, die damaligen Kriegsschauplätze zu besuchen, aber auch Kontakt zu Veteranen zu finden“, berichtet sie. Zweimal habe sie sogar russischen Fernsehsendern Interviews gegebe

Verarbeitung in Diplom-Arbeit

Mit einem Mix aus Deutsch, Englisch und vor der Reise noch schnell gelerntem „Basis-Russisch“ konnte sich die Neheimerin in Russland verständlich machen. Zunächst war sie nach St. Petersburg geflogen und von dort ging es längs des Flusses Wolchow u. a. nach Kirischi, Lipovik, Tschudovo, Weliki Nowgorod und dann noch an den weiter westlich gelegenen Peipussee mit den Orten Obizha, Murovitsy und Pleskau.

„In den russischen Orten habe ich einige Kriegsmuseen, Gedenkstätten , aber auch alte Flaks und Panzer gesehen, die als Mahnmale stehen blieben. Viel altes Kriegsmaterial liegt noch in der Erde, ich selbst habe eine Patronenhülse gefunden. Viele Bewohner erzählen Kriegsgeschichten so, als wären sie erst gestern passiert. Der Zweite Weltkrieg ist noch sehr präsent in den Köpfen der Menschen“ berichtet die Neheimerin von ihren Erfahrungen in Russland, die in ihrer Diplom-Arbeit sowie in einem Kultur-Objekt eindrucksvoll wiedergegeben werden.

 
 

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