Wohlerzogenes Grauen in Wetter

Das Koffertheater probt für das Stück „Der Gott des Gemetzels": Regisseurin Denise Förster sowie Niklas Peternek, Sabine Gruss, Heiko Gleichmann und Janina Weber (von links)
Das Koffertheater probt für das Stück „Der Gott des Gemetzels": Regisseurin Denise Förster sowie Niklas Peternek, Sabine Gruss, Heiko Gleichmann und Janina Weber (von links)
Foto: WP
Als Kinofilm bekannt und beklemmend, als Theaterstück demnächst auf der Bühne in Wetter. Das Koffertheater probt für das spannende Kammerspiel. Am 2. Oktober ist Premiere.

Wetter..  Das Grauen trägt Pantoffeln und backt Kuchen nach Mutters Rezept. Es ist keinesfalls blutrüns­tig, sondern wohlerzogen und lebt in einem hübsch dekorierten Wohnzimmer. Das Grauen, das sind Eltern, die ruhig und vernünftig klären wollen, wessen Kind die Schuld trägt an einer Prügelei. Und die irgendwann die Maske der Wohlanständigkeit fallen lassen und einander gnadenlos angiften. Darum geht es in dem Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“.

„Der Titel könnte die Besucher erst einmal abschrecken. Aber unser Wetteraner Komödienpublikum wird das Stück trotzdem mögen“, sagt Sabine Gruss als Mitglied des Koffertheaters überzeugt. Zumal in dem Kammer­spiel von Yasmina Reza kein Blut fließt. Das ist schon vorher geflos­sen, bevor die beiden Elternpaare die als Wohnzimmer dekorierte Bühne betreten. Zwei Jungen ha­ben sich gestritten, dabei hat Ferdinand seinem Mitschüler Bruno die Schneidezähne heraus ge­schlagen. Nun überlegen die El­tern, wie diese Tat ange­messen entschuldigt werden kann.

Aus Eltern werden Kinder

„Es passiert, was immer passiert: Die Eltern stehen zu ihren Kindern und meinen, das andere Kind sei viel schlimmer“, erklärt Gruss. „Es ist schön zu sehen, wie aus den Eltern die eigentlichen Kinder werden. Sie diskutieren – und jeder will verzweifelt, dass der andere ihm zustimmt“, erklärt Regisseurin Denise Förster. „Die Komik entsteht aus der Situation heraus, nicht aus einem Gag“, beschreibt Schauspie­ler Niklas Peternek den Reiz des Stückes. „Das ist ein Drama mit ko­mödiantischen Aspekten. Man fragt sich: Sind die denn alle Vier be­scheuert? Warum lassen sie es nicht? Es ist doch klar, dass sie nicht zusammen finden werden“, ergänzt Gruss. Aber spätestens an der Tür, wenn die Gästepantoffeln ausgezogen werden, drehen sie immer wieder um und kehren zurück an den Couchtisch mit Kaffee und Kuchen.

Und immer wieder klingelt das Handy von Alain, dem Vater des Übeltäters. „Wir suchen nach ei­nem Klingelton, der richtig pene­trant ist, so dass er jedem nach dem zweiten oder dritten Mal rich­tig auf die Nerven geht. Damit man weiß, wie sehr das Telefon nervt“, sagt Förster.

Diese Inszenierung ist ihre erste Regie in einem Theater – und gleichzeitig ein alter Traum: „Ich wollte das Stück schon immer inszenieren. Es ist total mein Hu­mor: Ich mag die Wortgefechte und die Situationskomik. Jetzt habe ich die Leute, mit denen ich das machen kann.“

Das sind außer Gruss und Peternek noch Janina Weber und Heiko Gleichmann. Da Weber schwanger ist, mussten sie das Stück ein we­nig anpassen. Im Original wird an der Kaffeetafel auch ordentlich Al­kohol getrunken. „Man kann einer Schwangeren keinen Alkohol anbie­ten, daher gab es ein paar Textän­derungen“, erklärt die Regisseurin. „Die Charaktere müssen alle gleich stark sein und gleich blöd, weil es wechselnde Konstellationen gibt. Wer einer Schwangeren Alkohol anbietet, ist sofort der Böse.“

Einen eindeutigen Bösen gibt es nicht. Vielmehr tritt das Unzivi­lisierte in allen wohlerzoge­nen und erfolgreichen Figuren zutage. Und das zeigt sich in herrlich absurden Diskussionen: Wusste Ferdinand, dass er seinen Mitschü­ler Bruno entstellt hat, als er ihm die Zähne ausschlug? Oder wusste er nur, dass sein Verhalten brutal war? Müssen die Birnen für den Kuchen dicker geschnitten werden als die Äpfel?

Immer wieder entstehen neue Ko­alitionen zwischen den vier Elternteilen. Mal verbündet sich Brunos Mutter mit Ferdinands Vater, dann streiten die Paare miteinander und untereinan­der. Bis Annette, gespielt von Jani­na Weber, ihren Mann zurückpfeift. Bis Alain alias Niklas Peternek fest­stellt: „Ein Mann ist wie ein Päck­chen, das man mit sich herum­schleppt. Es steht dann unge­schickt herum.“ Und schon wieder klingelt sein Handy und treibt alle anderen an den Rand der Verzweiflung.

Viele Wiederholungen

Um die Absurdität der Szene her­aus zu stellen, ist viel Detailarbeit nötig. „Warum sagt man etwas, was will man damit zeigen? Für diese Arbeit ist Denise gut“, finden die Schauspieler. Und tatsächlich lässt die Regisseurin bei den Proben jede Szene wiederholen, bis alles stimmt. Bis jeder Blick und jede Geste sitzt. Und dennoch wird Denise Förster bei der Premiere nervös sein, viel­leicht sogar noch aufgeregter als ihre vier Darsteller. „Für mich ist es viel schlimmer, nichts machen zu können. Ich kann nicht eingreifen, ich sehe, wenn etwas nicht klappt, aber ich kann die Kollegen nicht retten.“ Allerdings: Theater ohne Aufregung kann sich die Studentin der Filmregie nicht vorstellen.

Schließlich stehen die Schau­spieler an der richtigen Stelle, lie­gen die teuren Bildbände akkurat auf dem Sofatisch, auch die Pan­toffeln für die Gäste stehen bereit. Das Drama kann seinen Lauf nehmen.

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