Wohl behütet ins weitere Leben

Am vergangenen Sonntag war es so weit: Unser Sohn ist aus unserem Haus ausgezogen, vermutlich „für immer“. Bald beginnt er sein freiwilliges soziales Jahr auf Norderney. Und danach will er studieren, irgendwo in Ostdeutschland wahrscheinlich. Er behält sein Zimmer in unserem Haus, aber aller Voraussicht nach wird er dort nur noch „zu Gast sein“.


Eine Zäsur in unserem Leben. 19 Jahre lang haben wir täglich mit ihm gelebt und er mit uns – vom Sommer 1996, als meine Frau mit ihm schwanger ging, bis jetzt. In einer Mischung aus Stolz („wie groß er geworden ist!“) und Wehmut („ach, wie war es doch schön!“) sehen wir die Fotoalben von fast zwei Jahrzehnten gemeinsamem Leben durch: Babyjahre in Bochum, Kindergartentage in Herbede, Einschulung und Konfirmation in Wengern, Urlaubswochen auf Texel, in Dänemark und der Toskana, unser Sohn am Klavier, beim Sport, in der Gemeinde. Noch ganz frisch die Bilder vom Abiball, zusammen mit all den anderen jungen Frauen und Männern, die nun ins Leben aufbrechen. Aus einem winzigen, unbeholfenen Baby ist im Auf und Ab der Jahre ein selbstbewusster, junger Mann geworden. Und wenn er jetzt geht, hinterlässt er Eltern, die nachdenklich sind über Versäumtes und sehr dankbar für den Weg, den sie gemeinsam mit ihm gegangen sind. Und er hinterlässt eine Schwester, die sich ab jetzt der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Eltern „erfreuen“ darf.


Gefragt, wie wir das finden, dass unser Sohn ausgezogen ist, sagen wir: Es ist alles gut so. Er soll seinen Weg gehen. Er ist nicht unser Besitz. Ein Nest ist nicht gemacht, um darin hocken zu bleiben, sondern um flügge zu werden. Und Schiffe sind nicht dafür gebaut, im Hafen liegen zu bleiben, sondern die Meere zu erkunden.
So lassen wir ihn in Frieden seiner Wege gehen – getragen von der Zuversicht des Verses aus Psalm 91, den wir für seine Taufe auswählten vor vielen Jahren und doch wie gerade erst gewesen, damals so wahr und ermutigend wie heute: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

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