Vor 75 Jahren bekam Herdecke neuen Stadtteil Ende hinzu

Landwirtschaftlich geprägt: Dieses Foto entstand 1938 vom Höhenzug auf dem Heil, rechts oben ist die Ender Dorfkirche zu erkennen.
Landwirtschaftlich geprägt: Dieses Foto entstand 1938 vom Höhenzug auf dem Heil, rechts oben ist die Ender Dorfkirche zu erkennen.
Foto: WP
Die lange landwirtschaftlichgeprägte Gemeinde Ende gehört seit dem 1. April 1939 zur Stadt Herdecke. Der größte Ortsteil, in dem heute etwa 13 600 der 23 000 Einwohner leben, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Erinnerungen und Eindrücke.

Ende..  Was Herdecke ohne den Stadtteil Ende wäre? Brunhilde Conjaerts muss nicht lange überlegen: „Ohne Ende gäbe es Herdecke nicht mehr. Mit 7000 Einwohnern hätte es damals nicht als eigenständige Stadt weiter bestehen können.“ Die Leiterin der Herdecker Heimatstube, die am 13. April am neuen Standort wieder eröffnet wird, ist Enderin durch und durch. Ihre Geburtsurkunde des Standesamtes Ende, das es damals noch gab, belegt dies ebenso wie das Haus, in dem sie heute wohnt. Es ist das Geburtshaus der heute 83-Jährigen und steht – in Ostende.

Am 1. April 1939 wurde der Stadtteil eingemeindet. Im Rathaus-Zimmer des städtischen Pressesprechers in Herdecke blicken Dennis Osberg und Conjaerts auf einige Kapitel der 75-jährigen Stadtteil-Geschichte zurück. Und darüber hinaus.

Definition

Das ursprüngliche Ende bestand aus den vier Bauernschaften Kirchende, Ostende, Westende und Gedern, dazu gehörten zwei Rittersitze Callenberg und Mallinckrodt. Wer es genau nimmt, unterscheidet heutzutage auch noch zwischen Schnee, Semberg, Schraberg, Vaerstenberg, Ossenbrink und Ahlenberg. Somit lässt sich Herdecke in einen nördlichen Teil mit Ende und einen südlichen Part in Ruhrnähe gliedern.

Eingemeindung

Endes Bauern schlossen sich wohl schon in vorfränkischer Zeit zur Markgenossenschaft zusammen. Später wurde daraus ein Kirchspiel, das ab 1753 zum Kreis Wetter gehörte. Das hat bis heute Auswirkungen, zu sehen etwa bei der Zuständigkeit des Amtsgerichts in Wetter. Anfang des 19. Jahrhunderts galt Ende dann als eigenständige Gemeinde mit eigener Verwaltung (die befand sich ab Oktober 1933 im Herdecker Rathaus) und Polizei. Durch den Wunsch Herdeckes, das als kleine Stadt selbst von einer „Übernahme“ Hagens bedroht war, nach mehr Siedlungsraum und das zunehmende Interesse Dortmunds an der Gemeinde Ende führten zu einer Rats-Zusammenkunft am 15. Dezember 1938. Dort beschlossen Ender und Herdecker Politiker das, was der Oberpräsident der Provinz Westfalen am 13. März 1939 verkündete, nämlich die Eingemeindung. Letzter Gemeindevorsteher in Ende war Julius Timm.

Einwohner

Überliefert ist, dass es 1483 in Ende 24 Höfe und 15 Kotten gab, Anfang des 19. Jahrhunderts kamen 98 neue Kotten hinzu. 1811 zählte Ende 906 Einwohner, 1840 waren es 1802, der Anstieg ging weiter auf 3025 im Jahr 1884. Bei der Eingemeindung 1939 vereinigten sich 3766 Ender mit 6947 Herdeckern. Heute lebt laut Herdecker Demografiebericht in West- und Kirchende (dem größten der sechs Herdecker Stadtteile) ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Zu diesen 7834 kommen 3926 Einwohner am Schnee, Semberg und Schraberg sowie 1870 „Ahlenberger“.

Landwirtschaft

Historiker sehen in Ende die Geschichte vieler Höfe und Kotten. Bauern verkauften ihre Erzeugnisse oft in Herdecke. Eher wenige, zum Beispiel Blumenhändler, zog es früher hingegen nach Wetter. Die vielen landwirtschaftlichen Betriebe indes sind fast komplett verschwunden, einzig die Pferde und Koppeln erinnern Brunhilde Conjaerts an die Ursprünge. „Von den Hunderten Kühen und dem Vieh ist heute kaum noch was geblieben“, so die 83-Jährige. „Allerdings gab es lange noch viele Selbstversorger, die landwirtschaftliche Prägung war weithin spürbar.“

Bebauung

Als Beispiel, wie sich Ende im Laufe der Zeit verändert hat, wirft Conjaerts einen Blick auf das Kirchdorf. „Dort haben Zechenleute eine Siedlung auf einem ehemaligen Rübenacker errichtet“, so die Ender Historikerin. „Der Quadratmeter Bauland hat da wohl mal unter einer DM gekostet.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem ab 1950 begann die intensive Bebauung. Ausgehend vom Westender Weg, das kommunale Wohnungsunternehmen HGWG (1926 gegründet) mischte ebenso mit wie Aussiedler, die aus dem Osten kamen. „Das Motto von denen lautete damals eher: Hauptsache ein Dach über’m Kopf“, so Conjaerts, die sich oft wunderte, wie es immer mehr Häuser trotz Hanglage gab. Wobei in Ende bekannt ist, dass der Boden hinter dem Gemeinschaftskrankenhaus ganz schwer zu bebauen ist.

Gebäude

Während der Bau des Gemeinschaftskrankenhauses 1969 (heute Herdeckes größter Arbeitgeber) sinnbildlich für die fortschreitende Bebauung steht, sind einige Gebäude unmittelbar mit Endes Geschichte zu verknüpfen, etwa die Häuser Mallinckrodt und Kallenberg oder die Dorfkirche, die wohl aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt bzw. sogar in früheren Schriften auftaucht. Nicht zu vergessen der Hof Niermann, der mehr als 500 Jahre alt ist.

Fläche

Bei der Eingemeindung wuchs Herdecke nicht nur in Sachen Einwohner, sondern auch in der Fläche. Zu den 980 Hektar kamen 1450 Hektar aus Ende. Vor allem wirtschaftlich sollte sich dies auszahlen, zumal sich einige Unternehmen in den Gewerbegebieten am Loerfeld und Gahlenfeld ansiedelten. An Letzteres erinnert sich Brunhilde Conjaerts, die ein paar Meter weiter aufwuchs und heute noch lebt: „Das war 1945 nur Acker, nur Wiese.“

Personen

Prägten früher Landwirte Ende, so war laut Conjaerts Bürgermeister Hugo Knauer in der Neuzeit ein wichtiges Bindeglied zwischen Herdecke und dem Stadtteil. Vor seiner langen Amtszeit (1964-1997) war er Rektor der Schraberg-Grundschule. Heute ist Ende durch Fußballer von Borussia Dortmund, die 2008 ein Freundschaftsspiel am Kalkheck 25:0 gegegen Herdecke-Ende gewannen, bekannt. An der Spitze der BVB-Bewohner am Ahlenberg steht aktuell Trainer Jürgen Klopp. „Am Ahlenberg hatten schon früher Dortmunder ihre Wochenend-Häuser“, erinnert sich die 83-Jährige.

Natur

Das Ardeygebirge prägt den Stadtteil. Wer diesen schlicht auf die dichte Wohnbebauung reduziert, dem fährt Stadtsprecher Dennis Osberg, der selbst in Ende lebt, in die Parade. „Wer in Ende spazieren geht, kann etwa am Kermelberg oder Appelsiepen die Natur genießen.“ Er lobt zudem familiäre Atmosphären und die gute Infrastruktur. Conjaerts wundert sich hingegen: „Als ich manches Baugebiet sah, dachte ich, dass das nicht wirklich schön aussieht. Wenn man aber durch Ende geht, kommt es einem nicht so vor, das ist schöner als manche denken.“ Was vielleicht auch am Selmke Bach, Ender Mühlenbach, Ostender Bach und Kermelbach mit teils naturnahen Bachläufen, Feuchtwiesen, Hochstaudenfluren und Erlen-Eschen-Ufergehölzen außerhalb der Siedlungsbereiche liegt.

Kurzum: Für manchen Ender war das Ende der Eigenständigkeit 1939 ein Ende mit Schrecken, aus Herdecker Sicht war die Eingemeindung ein Ende ohne Schrecken.

 
 

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