Vater, Mutter, Pflegekind – eine echte Familie in Wengern

Familie Schmeling beim Spielen. Thorsten und Iris Schmeling haben Lucas als Pflegekind angenommen.
Familie Schmeling beim Spielen. Thorsten und Iris Schmeling haben Lucas als Pflegekind angenommen.
Foto: WP
Die Schmelings aus Wengern haben ein Pflegekind aufgenommen. „Ein Hauptgewinn“, wie es Iris Schmeling trotz der Höhen und Tiefen formuliert.

Wetter..  Iris Schmeling kann nicht gut verlieren. Wenn sie mit Sohn Lucas und ihrem Mann Thorsten am Tisch sitzt und würfelt, hat sie aber meist das Nachsehen. Lucas zieht seine Figuren sicher über das Spielfeld, sammelt Punkte und Karten ein. Und doch weiß Iris Schmeling in diesen Momenten, dass sie längst gewonnen hat. „Der Hauptpreis“, sagt sie und wuschelt Lucas durch die Haare.

Lucas ist das Kind, das sich Iris und Thorsten Schmeling immer gewünscht haben. Doch mussten sich Eltern und Kind erst finden. Ohne sich zu suchen.

Die Sehnsucht, eine Familie zu gründen, hat das Paar aus Wengern alles versuchen lassen. „Bis wir nicht mehr konnten“, sagt Iris Schmeling und erinnert sich nur ungern an diese Zeit. Irgendwann war die damals bittere Wahrheit aber nicht mehr weg zu schieben. Eigene Kinder können sie nicht bekommen. Also beschäftigten sich die Schmelings mit dem Thema Adoption. So ernsthaft, dass sie Kontakt zum Jugendamt aufnahmen.

Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen für Eltern auch bei der Frage, ein Kind anzunehmen, lange Wege. Wege, die sie begleitet von Elvira Ahlburg-Lemke gehen müssen. Die Mitarbeiterin des Fachdienstes Jugend betreut seit 25 Jahren den Pflegekinder- und Adoptionsbereich. Und sie weiß, dass die Sehnsucht nach einer Familie nicht ausreicht, um Kindern mit teilweise traumatischen Erfahrungen ein Zuhause zu geben. „Liebe, Geborgenheit, Vertrauen“: Diese drei Dinge seien das Wichtigste, das Eltern ihren Kindern geben müssen, sagt Ahlburg-Lemke. Und Kinder wie Lucas, die diese elementaren Dinge zu Beginn ihres Lebens oft vermisst haben, brauchen oft die doppelte Portion davon, um in der Welt wieder Fuß zu fassen.

Höhen und Tiefen

Mit seiner Sehnsucht nach Geborgenheit hat Lucas ganz allein die Herzen seiner Pflegeeltern erobert. „Er ist in meine Arme gekommen, als wir ihn das erste Mal im Kinderheim besucht haben“, sagt Thorsten Schmeling. Ein Vertrauensvorschuss, den neue Eltern nicht enttäuschen dürfen. In der Kennenlernphase, in der zunächst Besuche und gemeinsame Ausflüge und später auch mal eine Übernachtung in der Pflegefamilie anstehen, achten Kinder ganz besonders darauf, ob sie sich auf die Menschen, die da in ihr Leben treten, auch verlassen können. „Ich habe meine Jacke im Heim liegen lassen, damit Lucas wusste, dass wir wieder kommen“, erinnert sich Schmeling heute.

Die Schmelings sind wieder gekommen. Und Lucas hat ein Zuhause gefunden. Das Ende der Geschichte? Nein. Natürlich geht auch dieses Familienleben mit allen Höhen und Tiefen weiter. Doch bedeuten Pflege und Adoption immer auch noch ein bisschen mehr, als die normalen Herausforderungen von Trocken werden, Trotzphase und Pubertät zu bestehen. „Bei den Kindern kommen gerade in Umbruchsituationen viele Dinge wieder hoch“, weiß Elvira Ahlburg-Lemke. Und die Eltern müssen damit umgehen, dass plötzlich alles wieder in Frage gestellt werden kann.

Thorsten Schmeling wollte Lucas „am liebsten sofort einpacken und mitnehmen“, als er den damals Dreijährigen das erste Mal gesehen hat. Lucas nennt diesen Moment „unbeschreiblich schön“. Und Mutter Iris spricht davon, dass der 17. Dezember vor neun Jahren ein vorgezogenes Weihnachtsfest für sie war. Damals zog Lucas bei den Schmelings ein. Damals wurde der Traum von der Familie wahr.

Und doch war es ein Traum, aus dem die neuen Eltern immer wieder herausgerissen wurden. In dem sie an ihre eigenen Grenzen gestoßen sind. „Plötzlich Mutter“, beschreibt Iris Schmeling die Situation. Mutter von einem Kind, das sich in den ersten Wochen anpasst, beinahe unsichtbar macht. Und das irgendwann austestet, ob die neuen Eltern auch zu ihm stehen, wenn es nicht mehr alle Regeln befolgt. „Auf einmal hat er nichts mehr gegessen“, erinnert sich Thorsten Schmeling. Nichts schmeckte mehr. Lucas testet, wie weit er gehen kann.

Liebe und Geborgenheit

Doch die Schmelings sind vorbereitet, bleiben gelassen, ohne dem Kind die Liebe und Geborgenheit, die es lange vermissen musste, zu entziehen. „Wir haben immer abends vorgelesen, Lieder gesungen und gekuschelt“, sagt Iris Schmeling. Lucas spürt, dass er sich auf die Pflegeeltern verlassen kann. „Plötzlich hat es Peng gemacht, und alles war wieder gut“, sagt er heute.

Den Rückhalt, den die Schmelings ihrem Sohn bieten, bekommen auch sie selbst. Denn Pflegeeltern und auch ihre Kinder werden intensiv begleitet. „Frau Ahlburg-Lemke war immer für uns da“, gibt Iris Schmeling ein dickes Lob an die Mitarbeiterin des Jugendamtes weiter. Und auch der regelmäßige Kontakt zu anderen Pflegeeltern hilft weiter. „Da muss man nichts erklären, da gibt es keine Vorbehalte“, sagt Iris Schmeling. Die hat die Familie durchaus anderswo gespürt. Da gab es die Frage, warum sie ein Kind aus einem Heim aufnehmen. Ein Kind, von dem niemand weiß, wie sehr seine Seele beschädigt ist. „Natürlich gibt es Kinder, die Defizite mitbringen“, sagt Elvira Ahlburg-Lemke. Körperliche und seelische Narben, die nicht immer verheilen.

Auch Lucas musste vieles nachholen. „Motorisch war er hinter anderen Kindern zurück“, sagt der Vater. Heute geht Lucas voran. In der Schule, im Sport. Seine Eltern sind stolz. „Die guten Noten hab’ ich vom Papa“, sagt der Zwölfjährige. Die Leidenschaft fürs Backen und Kochen von der Mama. Talente, die sich frei entfalten können, weil die wichtigsten Voraussetzungen für ein Kinderleben vorhanden sind: Liebe, Geborgenheit, Vertrauen.

 
 

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