Tür Nummer 20 öffnet sich auf einem Rittergut

Haus Mallinckrodt mitten im Herbst: Vom Ruhrhöhenweg fällt der Blick auf die Ostseite mit dem Herrenhaus zur Rechten. In den Gebäuden links im Bild waren früher Pferde und Kühe untergebracht. Alle Gebäude – auch der  Burgturm – werden heute privat genutzt.
Haus Mallinckrodt mitten im Herbst: Vom Ruhrhöhenweg fällt der Blick auf die Ostseite mit dem Herrenhaus zur Rechten. In den Gebäuden links im Bild waren früher Pferde und Kühe untergebracht. Alle Gebäude – auch der Burgturm – werden heute privat genutzt.
Foto: Melanie Aprin
Auf Haus Mallinckrodt genießen die Bewohner die Gegend ebenso wie die Geselligkeit. Das abgelegene Rittergut ist allerdings nichts für Menschen, die die Stille nicht ertragen.

Herdecke..  Es sind die stillen Orte, an denen sich Weihnachten noch ursprünglich feiern lässt. Stille Orte sind selten im dicht besiedelten Ruhrgebiet. Manchmal muss man tief in den Wald hineinwandern, um sie zu finden. Das ehemalige Rittergut Haus Mallinckrodt ist solch ein stiller Ort.

Das Anwesen steht verborgen auf einer Lichtung in einem Wald - ein historisches Areal am östlichen Ruhrufer, gelegen an einem Hang des Ardeygebirges ganz im Westen von Herdecke. Kein Schild weist den Weg, keine öffentliche Straße führt hinauf und kein Bus dorthin. Wer hierher zieht, sucht die Idylle – und wer wieder fortzieht, hat das abgelegene Dasein vielleicht nicht ertragen.

Jemand, der den Rückzug in das alte Landschaftsschutzgebiet mit 140 Hektar Wald, einem privaten Damtier-Gehege, Wildtauben und Greifvögeln vor allem aus Liebe zu der Natur und stundenlangen Waldläufen sehr gut ertragen hat, ist der gebürtige Bielefelder Martin Heidötting (68). Als der Informatiker 1984 aus beruflichen Gründen von Berlin nach Herdecke umzog, wählte er zusammen mit seiner Frau einen frisch sanierten Trakt in der „Alten Burg“ als Miet-Domizil und Sitz seines Büros CMP. „Wir wollten eigentlich nur vorübergehend bleiben und hätten nie gedacht, dass daraus dreißig Jahren werden würden“, sagt seine Frau. Denn Petra Heidötting-Gerstadt (67) hatte gerne urban gelebt. Sie mochte Mode, hohe Absätze und die Geselligkeit. Der Mode blieb sie treu, doch die hochhackigen Schuhe verschwanden im Schrank: Das Kopfsteinpflaster von Haus Mallinckrodt und der Splitt im Hof der Burg hatten regelmäßig die Absätze ruiniert.

Was die zweifache Mutter nicht ablegen wollte, war die Lust am Feiern. Schnell entdeckte sie das Sandstein-Areal mit seinen alten Stallungen und weitläufigen Grünflächen als idealen Platz, um Feste zu veranstalten. „Die Menschen hier nahmen gerne Gelegenheiten zum gemeinsamen Feiern wahr“, erzählt sie. „Mal war es ein Geburtstag, mal ein Wiedersehen mit alten und neuen Freunden und mal eine Hochzeit.“ Irgendeinen Grund, sich zu treffen, hat es immer gegeben.

Glühwein und Plätzchen im Hof

Die Freude der Heidöttings an Musik und Tanz fiel in Mallinckrodt auf fruchtbaren Boden. Auch andere Mieter, die seit Jahrzehnten hier wohnen, feiern und musizieren gerne, laden sich gegenseitig ein und genießen das Miteinander in einer fast dörflichen Gemeinschaft. Vor wenigen Jahren entstand zudem die Tradition, sich am Heiligabend nachmittags zu Glühwein und Plätzchen im Hof der Anlage zu treffen. „Das war vor allem früher, als der Wald und die Wiesen noch tief verschneit waren, unbeschreiblich schön“, sagt Petra Heidötting-Ger­stadt, die sich 2005 ein Textil-Atelier einrichtete und in der Vorweihnachtszeit auch zu Verkaufsausstellungen einlädt. Haus Mallinckrodt habe dann immer wie ein Märchenschloss ausgesehen.

Der Schnee ist inzwischen nicht mehr sicher, der Gemeinsinn ist geblieben. Doch die Zahl der Nachbarn schwankt. „Vorübergehend waren es mal fast fünfzig Leute“, berichtet Martin Heidötting. Bei denen, die lange blieben, wuchs mit den Jahren ein besonderes Lebensgefühl. Fragt man das Ehepaar Heidötting, ob sie sich als Herdecker fühlen, schütteln sie den Kopf: „Wer lange hier lebt, ist ein Mallinckrodter.“ Früher habe es sogar geheißen: „Wer nicht da oben wohnt, hat dort auch nichts verloren.“

Die Idylle bewahren

Das sehen Bernd und Erika Springorum, in deren Familienbesitz sich Haus Mallinckrodt in fünfter Generation befindet, nicht ganz so eng. „Wir sind jedoch bemüht, die Idylle für unsere Mieter zu bewahren“, sagt Bernd Springorum. Der promovierte Jurist, der in Erwitte aufwuchs und in Witten geboren wurde, denkt dabei indes nicht nur an Ruhe und Frieden. Er hat auch die Aufgabe im Blick, ein Areal dieser Größe mit allen denkmalrechtlichen Herausforderungen zu pflegen. „Momentan gelingt uns das noch sehr gut“, betont Springorum und fügt lächelnd hinzu: „Den Weihnachtsmann habe ich trotzdem noch nicht hier gesehen.“

 
 

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