Traum einer Flüchtlingsfamilie erfüllt sich in Wetter nicht

Elisabeth Semme
Familie Mohammad kurz vor dem Abschied aus Wetter: In diesem Raum lebte sie nach eígenen Angaben mit ihren sechs Kindern.
Familie Mohammad kurz vor dem Abschied aus Wetter: In diesem Raum lebte sie nach eígenen Angaben mit ihren sechs Kindern.
Foto: WP
In Wetter an der Ruhr wollten Fahranaz und Gul Mohammad mit ihren Kindern ein neues Zuhause finden. Ohne Angst vor dem Krieg in ihrer Heimat Afghanistan. Doch nur knapp zwei Monate später klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Die Familie will nur noch weg. Nächstes Ziel ist Duisburg.

Wetter. Hier in Wetter sollte die Flucht der Familie Mohammad aus Afghanistan enden. Hier wollten Fahranaz und Gul Mohammad mit ihren inzwischen sechs Kindern bei Familie Dienstbier ihr neues Zuhause finden. Ohne Angst vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in ihrer Heimat und an genau dem Ort, der dem 35-jährigen Familienvater noch immer vertraut ist, weil er hier 1995 nach einer Kriegsverletzung fast ein Jahr als Pflegekind bei den Dienstbiers lebte.

Plan ist gescheitert

Doch nach knapp zwei Monaten unter einem Dach klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Der Plan ist gescheitert, Familie Mohammad will nur noch weg.

Warum? „Ich habe gedacht, Angelika unterstützt uns wie eine Mama, aber sie will nur das Geld haben“, sagt Gul Mohammad. Mit Frau und sechs Kindern bewohnt er einen einzigen großen Raum. Eine Couch, zwei Schränke, ein Kinderbettchen, Tisch und Fernseher. Auf dem Boden neben dem Kinderbett liegt die kleine Rugia (18 Monate) und schläft. „Heute hat sie auch noch das Bett abgebaut. Jetzt schlafen meine Kinder auf dem Boden“, so der 35-Jährige, der in seiner Heimat zwölf Jahre lang als Dolmetscher bei den deutschen Militärs gearbeitet hat.

In Wetter keine Wohnung gefunden

„So leben bei uns in Afghanistan die Nomaden nicht, die haben große Zelte und jeder hat Platz. Es ist eine Schande“. Sachen, die fremde Leute seiner Familie geschenkt hätten, habe Angelika Dienstbier wieder weggenommen. „Meine Frau dachte, sie hätte eine Mama und die Kinder eine Oma gefunden. Aber sie wollte nur Geld. Wir sind so enttäuscht“, so Gul Mohammad weiter. Dann zeigt er einen „Untermietvertrag“, nach dem er für sechs Zimmer und eine Gesamtwohnfläche von 152 Quadratmetern 1300 Euro Miete zahlen soll.

Aber wo sind die sechs Zimmer? Hatte Angelika Dienstbier nicht geplant, sich mit ihrem Mann innerhalb des Hauses kleiner zu setzen, damit Familie Mohammad eine Hälfte des Hauses bewohnen kann? Mitarbeiter vom zuständigen Jobcenter seien inzwischen ebenso wie das Bauamt vor Ort gewesen: „Die haben gesagt, so geht das nicht“, so Mohammad.

Familie Mohammad will Mietwohnung in Duisburg beziehen 

Er will seine Familie in diesen Tagen zu Freunden nach Belgien bringen und dann in Duisburg einen Mietvertrag für eine neue Wohnung unterschreiben. Warum Duisburg? Gab es in Wetter keine andere Bleibe? Gul Mohammad schüttelt den Kopf: „Wir wollen nur noch weg, so schnell wie möglich.“ Gab es Missverständnisse, oder waren am Ende die Erwartungen an den jeweils anderen zu groß? „Nein“, sagt Angelika Dienstbier.

Auflagen vom Bauamt

„Nur kann ich eine ganze Wohnung nicht in fünf Tagen leer räumen und renovieren. Mein Mann arbeitet, ich kann die Schränke nicht alleine schleppen. Dann kamen Auflagen vom Bauamt dazu. Es hat ihm alles zu lange gedauert. Er sollte helfen, hat er aber nicht. Und mir wurde es irgendwann zu viel.“ Jetzt wolle er wieder weg, sogar aus Wetter, obwohl sie den Bürgermeister um Hilfe bei der Suche nach einer anderen Wohnung gebeten habe. „Ich hätte zwei Jobs gehabt, die wollte er auch nicht“, sagt die Wetteranerin.

Er verbiete den Kindern, im Kinderzimmer zu schlafen: „Sie sollen bei ihm schlafen, auch wenn sie die ganze Nacht auf dem Boden liegen. Gul wollte unbedingt weg aus Afghanistan, obwohl dort angeblich alles einfacher war. Er hätte nicht weg gemusst, er hätte auch innerhalb des Landes umziehen können. Dann wollte er aus München weg, und jetzt will er wieder weg. Und Frau und Kinder müssen mit“, so Angelika Dienstbier weiter.

Kein Schaden fürs Jobcenter

Weil Gul Mohammad wegen seiner Situation beim Jobcenter vorgesprochen hatte, hatte Mitarbeiter Ralf Eggermann die Lage auch vor Ort überprüft. „Es ist eine Streitigkeit zwischen Vermieter und Mieter, und wir hängen dazwischen. Dem Jobcenter ist aber kein Schaden entstanden“, sagt er. Die Familie habe ein unbefristetes Aufenthaltsrecht, die Erwachsenen hätten eine Arbeitserlaubnis. Der Familie aus Afghanistan stünde staatliche Unterstützung ähnlich den Hartz-IV-Leistungen zu.

Über die Gründe dafür, dass es zwischen den Familie Gul und Dienstbier nicht funktioniert hat, wolle er nicht spekulieren. Grundsätzlich aber sei es für Großfamilien auf dem Wohnungsmarkt immer schwierig. Weswegen es ihn erstaune, dass Familie Mohammad dennoch so schnell eine neue Bleibe gefunden habe.