Teuflische Geschichten aus Herdecke

Autor Ralf Koneckis-Bienas ist bei seinen Forschungen über Sagen und Astronomie auch auf die Teufelskanzel in Herdecke oberhalb des Hengsteysees gestoßen
Autor Ralf Koneckis-Bienas ist bei seinen Forschungen über Sagen und Astronomie auch auf die Teufelskanzel in Herdecke oberhalb des Hengsteysees gestoßen
Foto: Steffen Gerber
  • Rund um die Herdecker Teufelskanzel ranken sich Geschichten
  • Ein Dortmunder Schriftsteller hat sich damit beschäftigt
  • Im Dezember können Interessierte den Mond auf der Kanzel sehen

Herdecke..  Was zum Teufel hat der Teufel mit Herdecke zu tun? Viel, wenn man den Sagen glauben kann. Die zur Teufelskanzel zum Beispiel (siehe links). Über die Ruhrsagen von Dirk Sondermann stieß der Autor dieser Zeilen auf Ralf Koneckis-Bienas. Der Schriftsteller aus Dortmund hat sich intensiv mit der Teufelskanzel in Herdecke beschäftigt und sich dort mit dem Redakteur getroffen. Seine Erkenntnisse, die vor allem auf astronomischen Schlussfolgerungen beruhen, trug der 65-Jährige in diesem Jahr auch bei einem Kongress in Wien vor. Das als Information für Herdecker, die bei einem Urlaub in Österreich eines Tages mal auf ihre Stadt mit einem Dämonen angesprochen werden.

Als ob ein Wald nicht schon genug Gelegenheiten für mystische und mythische Geschichten bietet, sorgt eine Gesteinsformation oberhalb des Hengsteysees für besondere Forschungsanlässe. Die Teufelskanzel bezeichnet einen Sandsteinfelsen hinter dem Waldfriedhof Buchenstraße. Vor dem Abhang mahnen Geländer wagemutige Kletterer oder Abenteurer zur Vorsicht. „Kennen wir natürlich“, sagen vier Herdecker Spaziergänger, die mit ihren Hunden oft an dem Abhang mit der markanten, weil hervorstechenden Gesteinsformation vorbeigehen. „Als Kinder sind wir da oft geklettert und bis zum Eingang einer Höhle vorgestoßen. Das war und ist ja verboten, hat für uns damals aber natürlich den Reiz ausgemacht.“

Blick vom Kaisberg

Mit einem ganz anderen Blick schaut Ralf Koneckis-Bienas (Jahrgang 1951) auf die Felsen oben am Herdecker Herrentisch. Zunächst setzt er gewissermaßen die historische Brille auf, wandert gedanklich einen Hügel weiter zum Kaisberg in Hagen und landet im Jahr 14 nach Christus bei der Frage, ob damals eine römische Legion hier an der Ruhr auf einem Rachefeldzug gegen Germanicus unterwegs war. Durch Informationen, wonach Bronzezeit-Reste am Kaisberg gefunden wurden und dieser womöglich auch Namens-Bezüge zu Caesar sowie Karl dem Großen haben könnte, stieß Koneckis-Bienas auf Herdecke.

Vom Hagener Freiherr-vom-Stein-Turm schaute er hinüber zum Wienberg in der Ruhrstadt und folgte auf einer Landkarte dem Flussverlauf stromauf- wie abwärts. Dann half ihm sein astronomisches Wissen weiter, um die Örtlichkeiten der nahen Umgebung in einen Zusammenhang zu bringen: „Vom Kaisberg lässt sich eine gerade Linie zur Burg Volmarstein und zur Hohensyburg ziehen, auf dieser Linie liegt auch die Herdecker Teufelskanzel.“

Durch diese Peillinie fand Koneckis-Bienas nicht nur Parallelen zu den Sagen rund um Stonehenge und den Externsteinen in Ostwestfalen, sondern stellte auch für den Felsen am Hengsteysee astronomische Bezüge her. Im Dezember will der Schriftsteller interessierten Herdeckern und Hagenern von einem Beobachtungspunkt am Kaisberg zeigen, wie der Mond nahe der Teufelskanzel aufgeht und damit die Analogie zum Teufelssprung durch den Reiter aus der Sage herstellen. „Streng genommen läßt sich der in der Teufelssage enthaltene Mondaufgang über der Teufelskanzel nur alle 9,3 Jahre beobachten. Doch ein ungefährer, nicht minder bewegenden Eindruck läßt sich schon am 15. Dezember gewinnen“, sagt Koneckis-Bienas. Um 17 Uhr will der Sagenforscher auf den Kaisberg steigen. Interessierte können sich ihm auf eigene Gefahr und ohne Taschenlampen schweigend anschließen. „Nach dem Abstieg stehe ich für Fragen zur Verfügung.“

Der 65-Jährige geht davon aus, dass auch auf dem Kaisberg als militärisch wichtigem Punkt Himmelsbeobachtungen stattfanden. „Für mich ist naheliegend, dass hier astronomische Bezüge herzustellen sind und gewissermaßen der Mond von der Teufelskanzel abgesprungen ist. Diese diente wohl als Horizontpunkt beim mittleren oder nördlichen Mondextrem.“ Bei der Suche nach einem gemeinsamen Kalender verfolgten die Leute früher den Lauf der Sonne und des Mondes. „Die Mondbahnen und Lichtphasen waren für sie teuflischen Ursprungs, die Gesetzmäßigkeiten waren damals schwer zu erkennen.“

Christianisierung und Mittelalter

Wer zur Hohensyburg schaut, könne sehen, wie dort beizeiten der Mond gewissermaßen pendelt. Wobei früher der Vollmond im Winter als Riese galt. „Im Zuge der Christianisierung wurde der Mond verteufelt. Um heidnische Bräuche zu entkräften, bekam der Mond den abwertenden Teufels-Namen“, so Ralf Koneckis-Bienas. Dabei lassen sich alle Mondphasen mit der Dämonen-Figur verknüpfen. „Gerade im Mittelalter wurden die Mondkulte verteufelt. Übrigens ging auch aus den Riesen und Trollen der Sagen der Teufel hervor.“ Damit zu den Sagen. Einige Opfersteine an der Ruhr bringt der Dortmunder über archäologische Deutungen ebenfalls mit dem Teufel in Verbindung, wollte dieser doch mit einem Stein eine Kirche zerschmettern.

Koneckis-Bienas hat an den Beobachtungen („Ich bin ein Augen-Astronom“) und Deutungen viel Spaß. Nach langer Beschäftigung mit den Themen findet er für seine Theorien immer mehr Bestätigung, nachdem er während seines Studiums öfter belächelt worden war. Mit seiner praktischen Heimatkunde hofft er auch in Herdecke auf Interesse und will auch dort den Leuten einiges erklären. Teuflisch viel.

 
 

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