Tastend durch Wetters Innenstadt

An der City-Infotafel für Sehbehinderte endet die kleine Tour mit Josef Schwietering, Rainer Zott und Axel Fiedler (von rechts)
An der City-Infotafel für Sehbehinderte endet die kleine Tour mit Josef Schwietering, Rainer Zott und Axel Fiedler (von rechts)
Foto: WP
Was weiße Noppenfelder auf den Gehwegen der unteren Kaiserstraße sehbehinderten Menschen sagen, erklärt Josef Schwietering bei einem kleinen Bummel.

Wetter..  Als „gefährlich“ haben seit der Neugestaltung der unteren Kaiserstraße einige Bürger die Gehweg-Markierungen für Sehbehinderte eingeordnet. „Die Menschen werden damit doch direkt auf die Straße geleitet und laufen möglicherweise vor ein Auto“, so ihre Kritik. Wir wollten wissen, ob das stimmt, und was es mit diesen weißen Noppen- und Rillenfeldern wirklich auf sich hat. Deswegen haben wir einen Experten gebeten, bei einem Bummel über die Kaiserstraße zu erklären, was ihm die sogenannten taktilen Aufmerksamkeits- und Leitfelder tatsächlich signalisieren.

Josef Schwietering ist hochgradig sehbehindert und gilt vor dem Gesetz als blind. Bis zu seiner Verrentung arbeitete er als Maschinenbautechniker. Der Ennepetaler kommt mit Ehefrau Brigitte zum Termin, mit der er wenige Tage zuvor bereits einen Gang durch die Innenstadt gemacht hat: „Ohne ein wenig Ortskenntnis könnte ich mich als blinder Mensch hier nicht bewegen.“ Ebenfalls mit von der Partie: Axel Fiedler, Senioren- und Behindertenbeauftragter der Stadt Wetter, und Rainer Zott vom Projekt „Agentur Barrierefrei“ im Forschungsinstitut Technologie und Behinderung (FTB). Bevor wir gegenüber der Lichtburg die kleine Tour starten, erklärt Schwietering: „Grundsätzlich bewegen wir Sehbehinderten uns immer nahe der Hauswand. Das ist so etwas wie eine innere Leitlinie.“

Ständiger Bodenkontakt

Während der 57-Jährige auf dem Bürgersteig einen Fuß vor den anderen setzt, lässt er seinen Blindenlangstock wie einen Fühler im Halbkreis vor seinen Füßen hin- und herrollen. „Durch die Rolle am Ende des Stockes habe ich ständigen Bodenkontakt“, erklärt er. Plötzlich stößt der Fühler auf Widerstand, holpert über weißes Noppenpflaster. „Dieses taktile und akustische Element signalisiert: Halt, stopp, hier ist etwas“, erklärt Schwietering. „Zudem hebt sich der glatte schwarze Rand durch den starken Kontrast auch visuell ab. Menschen mit einer Restsehstärke können das erkennen. Das ist wie eine Sprache.“

Nun tastet er mit dem Stock nach weiteren Zeichen, findet Längsrillen und lässt sich von ihnen zum Gehwegrand führen. „Ich weiß, hier ist eine gesicherte Querung. Das Richtungsfeld sagt mir, wohin ich gehen soll.“ Kurz vor der Fahrbahn ertastet er eine weitere Information: Ein Sperrfeld aus Rippen, quer zur Gehrichtung angeordnet. Dahinter die Bordsteinkante. „Hier kann ich sicher über die Fahrbahn gehen“, so der 57-Jährige und geht auf dem Zebrastreifen über die Kaiserstraße.

Hindernisparcours

Der Weg Richtung Ruhrtal-Center erweist sich für Josef Schwietering als Hindernisparcours: Werbe-Aufsteller, Fahrradhalterungen und Findlinge sind für ihn „ein rotes Tuch und sehr anstrengend“. Besonders gefährlich: die Fahrradhalterungen, weil der Stock sie am Boden nicht ertasten kann und Sehbehinderte sie erst bemerken, wenn sie mit dem Knie dagegen stoßen. „Eine Querstrebe in Bodennähe würde helfen“, so Schwietering. Eine Anregung, die Axel Fiedler in den Behindertenbeirat tragen wird. Ein paar Meter weiter holpert der Stock über ein weiteres Noppenfeld. Diesmal allerdings gibt es kein angeschlossenes Leitfeld zur Straße hin. „Eine ungesicherte Querung. Ich müsste mich hier auf mein Gehör verlassen“, erkennt er. Genau diese Situation meinten wohl jene Bürger, als sie Kritik an den Markierungen übten. „Aber“, so merkt Schwietering an, „es ist meine freie Entscheidung. Ich muss ja hier nicht rüber.“

Am Bahnhofsvorplatz angekommen, entdeckt der Ennepetaler noch die Innenstadt-Infotafel für sehbehinderte Menschen und das Blindenleitsystem des Busbahnhofes. Sein persönliches Fazit am Ende der Test-Tour ist positiv: „Wetter ist fortschrittlich und durchaus schon auf einem guten Weg. Und auch deutlich weiter als andere Kommunen.“

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