Stefan Keim und Winfried Fechner wollen Operette retten

Die Kabarettisten Stefan Keim und Winfried Fechner (rechts) stellten in der Lichtburg an der Kaiserstraße in Wetter ihr neues Programm "Schmand des Lächelns" mit Auszügen aus Operetten vor.
Die Kabarettisten Stefan Keim und Winfried Fechner (rechts) stellten in der Lichtburg an der Kaiserstraße in Wetter ihr neues Programm "Schmand des Lächelns" mit Auszügen aus Operetten vor.
Foto: Jürgen Theobald
Die Kabarettisten Stefan Keim aus Wetter und Winfried Fechner traten mit ihrem aktuellen Programm „Schmand des Lächelns“ in der Lichtburg auf. Sie traten an, um der Operette zum Überleben zu verhelfen. Das gelang mit herzerwärmenden Vorträgen.

Wetter..  Der Operette ein ganzes Abendprogramm zu widmen, ist mutig. „Ich gehöre der ersten Generation an, die ohne die Operette aufgewachsen ist“, bekannte einer der Künstler des Abends, Stefan Keim, bei seinem Heimspiel in Wetter. Damit steht er gewiss für viele. Wer sich in der jüngeren Generationen um etwas Bildungsbürgertum bemüht, setzt sich vielleicht noch der ein oder anderen Oper aus. Doch Operetten kennt die Generation Golf bestenfalls noch aus Erzählungen der Großeltern. Das weiße Rößl, die Blume von Hawaii, das Dreimäderlhaus - man hat’s doch irgendwie schon mal gehört... Klar hat man! Das zeigten die musikalischen Darbietungen von Keim und seinem aus WDR-Funk und Fernsehen bekannten Kollegen Winfried Fechner am Samstagabend in der Lichtburg.

Schmand ist ja weniger fetthaltig als echte Sahne, aber gehaltvoller als ein Töpfchen saure Sahne. Und mit dem „Schmand des Lächelns“, so der Programmtitel, verliehen die fröhlichen Bildungs-Bürger der Operette neues Leben. Dass die Operette es verdient, zu überleben, das stellte man angesichts des engagierten, herzerwärmenden Vortrags der beiden Künstler gar nicht erst in Frage. Warum hat man’s eigentlich noch nicht selbst gemacht, was Stefan Keim da vorschlägt? „So eine Operette, die kann man doch toll in der Familie aufführen. Eine bekannte Melodie, mit neuem Text versehen, überschaubares Personal - fertig ist die Darbietung.“

Aber wie gingen die nochmal, diese bekannten Melodien? Befeuert von Marzipankugeln aus dem Netto (weil die keine Lindt-Mini-Pralinen haben), spuckte „Operetten-Automat“ Winfried Fechner eine Melodie nach der anderen aus. Viel Text auswendig zu lernen hatte der für seinen Auftritt gewiss nicht - zu umfassend sein aus Liebe zum Genre gespeistes Wissen. Er plauderte liebevoll aus dem WDR-Nähkästchen. Wie er beispielsweise eine Original-Partitur einem dackelbewährten alten Ehepaar abgeschwatzt hatte. Als Kavalier alten Schlages habe er es nämlich noch gelernt, pflichtschuldig angebotenen Kuchen zu verschlingen. Belohnt wurde er dafür mit dem kostbaren Notenbündel. Fechner verließ das Haus mit Bauchweh und einem Klassik-Schatz, die Eheleute waren stolz wie Oskar, dass der „Mann vom WDR“ vorbeigekommen war. Friede, Freude, Operette.

Die Sensation wollte auch in Wetter nicht passieren. Niemand erkannte auf Anhieb, mit welcher Musik Fechner da eine Liebesgeschichte aus der Kehle von Keim begleitete. Dabei gab es doch eine ganze Packung Oblaten zu gewinnen! Doch auch hier, bei der einzigen Aufführung von „Schmand des Lächelns“ in der Lichtburg, kam niemand auf Anhieb darauf, dass es sich bei dem Klavierstück um die Hymne des Vatikans handelte. Auch sonst wurde das Publikum immer wieder eingespannt. Das Volkslied „Heimat, süße Heimat, wann werde ich Dich wiedersehen?“ konnte nach diesem Abend jeder auswendig, musste das Publikum hier doch ordentlich mitsingen. Dafür vermittelte das Duo aber mithilfe des Klassikers, welchen Verdienst die Operette auch auf dem Felde der Aufklärung erwarb: Das „Mädchen voller Güte“ wird vom Leutnant der Garde erst verführt, dann mit Kind sitzen gelassen. Achtung, Mädels, so kann das enden mit den schönen Männern...

Aus dem Rößl wird armer Rösler

In schönster künstlerischer Freiheit wurde an diesem Abend aus dem weißen Rößl der arme Rösler, der aus dem Bundestag scheiden muss. In einem „Seelengemälde“ besang Stefan Keim zwei Altenheimbewohner, die über das Internet zusammenfinden. Verfolgt von einem dankbaren, beglückten Publikum.

Der Abend hätte vielleicht noch ein paar Gesichter mehr verdient - vielleicht traute sich mancher mangels Operetten-Kenntnissen nicht hinein in die Lichtburg. Doch Ahnungslosigkeit war an diesem Abend gewiss kein Nachteil. Wer viel wusste, konnte sich besonders an den schönen Schlenkern der Autoren erfreuen. Wer der Operette bislang wenig abgewinnen konnte, ging beschwingt mit der Erkenntnis nach Hause, dass die „unfeine“ kleine Schwester der Oper auch heute noch viel zu sagen hätte.

 
 

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