Mit Kräutern so lebendig wie die Kaninchen

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Eine der 30 neuen Kräutertouren, die die Biologin Ursula Stratmann in ihrem neuen Buch vorstellt, führt durch das wilde Elbschebachtal in Wetter-Wengern.

Wetter/Herdecke.  „Die Ruhr ist für mich ein heiliger Fluss, ein Kraftstrom, von dem jeder etwas haben sollte. Ich verehre ihn und habe ihm ein Denkmal gesetzt“, sagt Ursula Stratmann. Das Denkmal ist 21 x 14 Zentimeter groß, 348 Seiten stark und jetzt im Klartext-Verlag erschienen. Sein Name: „Kräuter Tour de Ruhr II – Traumhafte Kräuterführungen im Ruhrgebiet“. Die Hommage an den Fluss offenbart zugleich auch Ursula Stratmanns Liebe zur Natur und ihre Leidenschaft für Kräuter. Sie sagt über sich selbst: „Ich bin eine Kräuterverliebte.“

Wen wundert es da, dass die 58-Jährige zur Vorstellung ihrer neuen Bücher - auf das zweite kommen wir später noch zu sprechen – ein paar grüne Kräutersträußchen und ein Glas mit grünem Mus mitgebracht hat. „Probieren Sie mal, schmeckt wie Champignons“, sagt die Diplom-Biologin und deutet auf die kleinen Blütenstände des Spitzwegerich. „Man kann sie statt Champignons in der Pfanne mit Zwiebeln schmoren. Spitzwegerich ist gratis, bio und regional – mein April-Champignon“, schwärmt Ursula Stratmann. Zugegeben, man muss ein wenig länger kauen und auch seine Fantasie bemühen, um einen Pilzgeschmack zu identifizieren – aber immerhin steckt die Pflanze voller wertvoller Mineralstoffe und Spurenelemente. „Ein gequetschtes Blatt davon auf eine eitrige Wunde heilt wie mit Goldfäden vernäht, wie Pfarrer Kneipp es formulierte. Das Spitzwegerichblatt wirkt wie ein Universalpflaster, das wissen auch schon viele Kindergartenkinder“, so die Expertin.

Dann fällt ein fragender Blick auf das grün-faserige Mus im Marmeladenglas, das optisch stark an gekochten Rhabarber erinnert. „Das ist mein Ruhr-Rhabarber“, so die Erklärung. „Der japanische Staudenknöterich wächst flächendeckend an der Ruhr und ist verhasst, weil er sich so stark ausbreitet. Deswegen: Essen Sie Ruhr-Rhabarber, und Sie betreiben aktiven Umweltschutz. Man kann Kompott draus machen oder ihn in der Pfanne braten, dann ersetzt er chinesisches Gemüse“, empfiehlt die Kräuterfachfrau. Und tatsächlich, der Ruhr-Rhabarber schmeckt (fast) wie der „echte“.

Das ganze Ruhrgebiet durchforstet

Von der spannenden Kurz-Lehrstunde in Sachen essbare Kräuter zurück zum neuen Buch von Ursula Stratmann. Jahrelang durchforstete die Kräuterexpertin dafür das ganze Ruhrgebiet – immer auf der Suche nach „Gänsehautzielen“. Nachdem im vergangenen Jahr der erste Teil der Kräutertouren erschien, stellt Ursuls Stratmann nun im zweiten Teil 30 neue Ausflüge für das ganze Jahr vor. „Mit dem Buch findet man meine Gänsehautziele und die Kräuter, wie ich sie am Wegesrand erkläre, auch ohne mich“, so die Autorin. Von Januar bis Dezember führt das Buch zu Kraftorten, Kräuterstellen und botanischen Highlights in Haltern, Schwerte, Dortmund und auch in Wetter. Anekdoten, Heilkräuterrezepte und Anwendungsmöglichkeiten ergänzen den aktuellen Kräuter-Wanderführer, dessen letzte Tour übrigens ins „wilde Elbschebachtal“ nach Wengern und Ursula Stratmann zurück zu ihren Wurzeln führt.

Denn dort, auf einem Bauernhof in der Ratelbecke, ist Ursula Stratmann aufgewachsen: „Daher stammt meine enge Verbindung zu Pflanzen. Von meiner Oma habe ich die ganzen Kräuternamen gelernt. Zum Kartoffelernten sind wir auf dem Trecker meines Vaters mitgefahren. Ich habe jedes Tier geliebt, vom Silberfischchen bis zum Molch. Und natürlich auch alle grünen Schätzchen, die meine Mutter verarbeitet hat, bis der ganze Keller voll war. Wir hätten damals ohne jeden Rewe leben können.“

Traumberuf

Zu ihrem Traumberuf als Buchautorin und Kräuterexpertin kam die Wahl-Sprockhövelerin über Umwege, absolvierte nach der Schule zunächst eine Ausbildung als Medizinisch-technische Assistentin, studierte anschließend Biologie und arbeitete als Umweltberaterin. Vor acht Jahren bot sie erstmals Kräuterwanderungen in Witten an, aus denen 2013 ihr erstes Buch „Paradies in Grün“ entstand. Es folgte die „Kräuter Tour de Ruhr“ im Jahr 2015; beide Bücher gibt es inzwischen in zweiter Auflage.

Durch eine Empfehlung des Kulturanthropologen und Ethnobotanikers Wolf-Dieter Storl kam schließlich ein Kontakt zur Verlagsgruppe Random House zustande, die jetzt auch das aktuelle Stratmann-Buch „mein Stadtkräuterbuch“ verlegt. Im Blickpunkt: Heilkräuter und Wildgemüse zwischen Hinterhof und Stadtpark. „Es gibt viel Lustiges zu Lesen. Man lernt zum Beispiel, warum Karnickel so schön sind, ein so schönes Fell haben, so lebendig, so flink und so potent sind“, sagt Ursula Stratmann. Und? Wie heißt das Zaubermittel? „Ganz einfach, sie essen Rasenkräuter. Das können wir auch. Das Rezept dazu gibt es im Buch.“

 
 

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