Mit dem Saxophon unterwegs in ungewohnte Klangwelten

Herdecke..  Das neue Jahr begann am Sonntagabend im Werner Richard Saal mit diversen Premieren: In der Reihe Meister von Morgen“ traten mit dem Amstel Quartet Saxophonisten auf und zwar ohne Notenständer und –blätter, ein Handy durfte in Betrieb bleiben: Bas Apswoude, Tenorsaxophon, sah Vaterfreuden entgegen und wartete auf den entsprechenden Anruf.

Zusammen mit dem Ersatz-Spieler war ein fünfköpfiges (!) Quartett angereist, auch dies ein Novum. Das kunterbunte Programm „Amstel Tracks Now!“ hatte ein Riesenpublikum angelockt. Remco Jak, Sopran-, Olivier Sliepen, Alt-, Ties Mellema, Baritonsaxophon, und Apswoude gewannen hochkarätige Preise in aller Welt. Die Arrangements, Übersetzungen jahrhundertealter Werke in die Sprache des erst 1841 konstruierten Instruments, gehören zu ihren höchst erfolgreichen Leistungen.

Bach - von der Orgel befreit

So zogen die Musiker zu „Floating Clouds“ mit Vogelgezwitscher und in auf- und absteigenden Dreiklängen ziehenden Wolken auf die Bühne. Tan Dun (*1957), der chinesisch-amerikanische Komponist, hatte Apswoude autorisiert, drei Sätze aus einem Klavierwerk zu arrangieren. Einem „Ancient Burial“ in dunklen Tönen folgte „Sunrain“, ein kräftiger Platzregen in keckem Rhythmus. Jaks Bearbeitung eines Satzes aus der 3. Sinfonie von Brahms bestach durch singende Melodik, dichte akkordische Begleitstrukturen (scheinbar ohne Atempausen) und orchestrale Klangfülle; allerdings fehlte hier die Farbenpracht der Orchesterinstrumente. Von der statischen Tongebung der Barockorgel befreit, übertraf dagegen Bachs Choral „Nun komm, der Heiden Heiland“ mit der reich verzierten Melodie im Sopran zu ruhig fortschreitenden Unterstimmen an inniger Hingabe die Originalfassung. Guillermo Lago (*1960) alias Willem van Merwijk komponierte 2011 „Ciudades“ für das Quartett. „Cordoba“ hatte temperamentvolles südliches Flair mit rasend schnellen Soli in allen Stimmen. Ruhige Akkorde wiesen auf die uralte Universitätsstadt hin.

Alles - nur nicht Mozart

Vor dem Schluss-Abriss wurde viel gekichert und gekräht, immer konform auch im turbulenten Tempo. „Sarajevo“ beklagte in schwermütigen Liedern seine kriegsgeschüttelte Vergangenheit; auch der mit einem einsamen hauchigen Ton im Bariton verklingende Schluss verhieß nichts Gutes. In „Addis Ababa“ tat sich eine fremde Welt auf: rasende Rhythmen mit unerwarteten Akzenten gespickt, schrille Triller, seltsame Knacklaute, ein himmelhohes Glissando im Sopran. Jaks Arrangement von Mozarts Adagio und Fuge c-Moll KV 546 strafte die Worte ihres Amsterdamer Professors Lügen: „Alle Musik klingt gut auf dem Saxophon, nur nicht Mozart“. Hier kamen der Kontrast zwischen schroff punktierter Rhythmik und klagenden Akkorden im Adagio und die plastisch hervorgehobene Verarbeitung des Fugenthemas mit Umkehrung und Engführung bei kontrapunktischer Umspielung im weichen Klang der Bläser fast besser zum Ausdruck als bei den Streichern. Die Zuhörer waren sich einig: „Das war Spitze!“, auch mit Bezug auf die beiden Zugaben.

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel