Michele Ufer ist auf den extremsten Laufstrecken der Erde zu Hause

Michele Ufer am Start zu seinem ersten Mount Everest Marathon.
Michele Ufer am Start zu seinem ersten Mount Everest Marathon.
Foto: WR
Der Herdecker Michele Ufer liebt es extrem. Gerade ist er vom Marathon am Mount Everest zurückgekehrt. Im Gepäck hat er einen Film über das sportliche Ereignis am Dach der Welt. Im Interview spricht Ufer über seinen Einstieg in den Extremsport und erklärt, warum er nicht an Cityläufen teilnimmt.

Herdecke.. Die Beweggründe, mit dem Laufen anzufangen, sind bei fast allen Menschen gleich: Übergewicht, mal was für die Gesundheit tun, den faulen Leib bewegen. Oder die ehrgeizigere Variante: einmal spüren, wie es ist, einen Marathon gelaufen zu sein.

Bei Michele Ufer aus Herdecke ist das anders. Bei ihm war das Fernweh der Auslöser. Der erste Lauf führte den 41-Jährigen gleich in eine der entlegensten Gegenden der Erde: in die chilenische Atacama-Wüste. Wie es dazu kam, und warum Ufer nicht beim Herdecker Citylauf an den Start geht, verrät er in unserem Interview.

Herr Ufer, ist der Everest-Marathon so schlimm, wie es beim ersten Hören scheint?

Michele Ufer: Naja, was heißt schlimm? Was hört man denn so?

Ein Marathon am höchsten Berg der Erde, Wind, Wetter, Eiseskälte – nicht unbedingt die Bedingungen, unter denen Otto Normal-Läufer seine Schuhe schnüren würde.

Ufer: Es ist natürlich alles andere als ein normaler Lauf. Die Starthöhe liegt auf 5364 Metern, direkt im Basecamp des Mount Everest, auf dem Khumbu Gletscher. Das ist eine sehr eindrucksvolle Kulisse mit der riesigen Wand, dem Khumbu Icefall. Da kann es nachts bis minus 15 Grad kalt werden. Wir sind da im Schneesturm hochgekommen. Ein außergewöhnliches und für den Organismus anstrengendes Setting. Auch läuferisch ist das natürlich auch etwas Besonderes.

Wie ist die Laufstrecke?

Ufer: Die ist sehr variabel. Es fängt mit Geröll und Blankeis auf dem Gletscher an. Da muss man sehr aufpassen. Es geht aber auch durch wüstenähnliche Abschnitte, aber in tieferen Gegenden auch durch Rhododendronwälder. Das ist sehr abwechslungsreich und anstrengend.

Wie reagiert der Körper?

Ufer: Die Pumpe arbeitet wie verrückt. Man fühlt sich völlig platt, kommt aber gar nicht wirklich vorwärts

Wie viele Läufer haben an dem Lauf teilgenommen?

Ufer: Ungefähr 110 internationale Läufer. Da kommen 20 bis 30 Nepalis und Scherpas zu.

Scherpas machen da mit und sagen nicht: Die spinnen, die Europäer?

Ufer: Nein, nein! Die machen mit und laufen auch in einer völlig anderen Welt. Die Bestzeit liegt bei dreieinhalb Stunden. Selbst Olympioniken, Biathleten sind da meilenweit von entfernt. Ich bin vor zwei Jahren mit siebeneinhalb Stunden bester Deutscher und Gesamt-Neunter geworden. Letztes Jahr bin ich sieben Stunden und 40 Minuten gelaufen, hatte aber Kameras für meinen Film dabei. Das war anstrengend. Ich bin regelmäßig vorgerannt, habe Kameras aufgebaut, gefilmt, zurückgerannt. Das war natürlich besonders.

In diesem Jahr war die Besonderheit, dass es das 60-jährige Jubiläum der Erstbesteigung war. In dem Rahmen gab es unter anderem einen Lauf über 60 Kilometer. Da bin ich dann spontan auf die 60 Kilometer gewechselt. De facto waren das 68 Kilometer.

Welche Distanz würden sie unter normalen Umständen in siebeneinhalb Stunden laufen?

Ufer: Beim 24-Stundenlauf am Seilersee in Iserlohn bin ich in sieben Stunden ganz locker, entspannt mit Quatschen und Essenspausen 60 Kilometer gelaufen.

Von Bergsteigern hört man oft, dass zu viele Leute am Everest wären, die dort gar nicht hingehörten, weil sie das Leistungsniveau nicht haben. Ist das beim Marathon ähnlich?

Ufer: Das Leistungsgefälle ist schon sehr groß. Es gibt Cracks mit viel Ehrgeiz und andere, die nur genießen wollen. Aber es gibt auch Leute, die vielleicht ein bisschen fehl am Platz sind und nicht unbedingt die Voraussetzungen mitbringen. Das sind vielleicht sogar gute Marathonläufer aber für den Everest-Marathon muss man eigentlich Trail- oder Bergläufer sein. Wenn man nicht trittsicher ist, kann es da jede Sekunde vorbei sein.

Manche Läufer schaffen es nicht bis zur Startlinie

Wie lange benötigt der Körper, um sich zu akklimatisieren?

Ufer: Ich bin immer mit einer Gruppe mitgegangen. Das würde ich auch jedem empfehlen. Wir haben uns in Kathmandu getroffen und sind nach Lukla geflogen, den gefährlichesten Flughafen der Welt. Dann ist man zehn bis zwölf Tage unterwegs, um zur Basis zu kommen. Das ist eine Hochgebirgswanderung, bei der Fokus wirklich auf Akklimatisierung liegt. Das ist sehr belastend und man sollte einfach schauen, dass man unbeschadet ankommt. Denn die Bedingungen mit der Höhe, ungewohntem Essen, knallhartem Wind und starker Sonneneinstrahlung sind schon sehr hart. Manche schaffen es nicht mal bis zur Startlinie und müssen wegen Höhenkrankheit aufgeben.

Was war der Antrieb, überhaupt am Mount Everest zu laufen? Wie ist Ihre Lauf-Historie?

Ufer: Äußerst kurz. Ich habe vor zwei Jahren angefangen. Ich bin dann beim Atacama Crossing in Chile gestartet, einem Etappen-Lauf über 250 Kilometer in der chilenischen Wüste. Da bin ich mit drei Monaten Vorbereitungen hin.

Warum dort und nicht beim Volkslauf um die Ecke wie es ein normaler Mensch machen würde?

Ufer: Mich interessieren Abenteuer-Geschichten. Zu normalen Straßenläufen habe ich keinen Bezug. Der Gedanke an die Atacama geisterte schon eine ganze Zeit in meinem Kopf herum. Ich war während meines Studiums öfter als Reiseleiter in der Atacama. Das waren aber eher Jeep-Touren. Landschaftlich fand ich das sehr faszinierend. Irgendwann habe ich dann in der Zeitung von diesem Rennen gelesen, da hat es in meinem Kopf „klick“ gemacht.

Mit dem Laufen hatte ich gar nichts am Hut. Ich war Fußballer, laufen fand ich langweilig. Drei Monate vor dem Rennen habe ich lange mit meiner Frau diskutiert. Die sagte: „Du hast noch nie einen Marathon gemacht, keinen Halbmarathon, kein 10- oder 5-Kilometer-Rennen. Jetzt willst du mit einem Rucksack durch die Atacama laufen? Auf 3500 Meter Höhe am trockensten Ort der Erde? Das kannst du nicht!“ Ich habe gesagt. „Ja, ich mach’s aber trotzdem.“ Ich habe mich dann drei Monate lang vorbereitet und habe an dem Rennen teilgenommen. Ich bin angekommen, das war mein Ziel. Am Ende war ich sogar unter den ersten Zehn. Viele Läufer haben mir gesagt, das sei gar nicht möglich.

Wie ist es dann doch möglich geworden?

Ufer: Ich mache viel im mentalen Bereich, Hypnose, Selbsthypnose. Das funktioniert richtig gut.

Wie ging es weiter?

Ufer: Einige Wochen später habe ich von den Organisatoren des Mount-Everest-Marathon eine Einladung bekommen. Die waren auf der Suche nach lokalen Repräsentanten. Ich dachte, das sei ganz cool, erst in der Wüste, dann am Everest zu laufen. Ich bin dahin und konnte das live erleben. Das Konzept hat mir gefallen. Der Marathon an sich ist ja nur ein Tag. Aber man muss erst mal hinkommen. Insgesamt dauert das Programm knapp drei Wochen.

Wie organisieren und finanzieren Sie die ganzen Reisen?

Ufer: Hin und wieder werde ich eingeladen. Parallel zum Everest-Marathon war ich zu einem Etappen-Rennen in Peru eingeladen. Da wurde ich angefragt, ob ich die Repräsentanz für den deutschsprachigen Raum übernehmen möchte. Ich habe mir da inzwischen ein gutes Netzwerk aufgebaut und viele Kontakte. Ansonsten arbeite ich als Psychologe und Sportpsychologe und organisiere Lauf-Events. Wenn da ein paar Euro überbleiben, stecke ich die gerne in solche Projekte.

Sind Sie denn überhaupt schon mal einen normalen Marathon gelaufen?

Ufer: Nein. Das reizt mich nicht.

Mal so in Berlin mit 40.000 anderen Verrückten?

Ufer: Überhaupt nicht. Das ist nicht meine Baustelle. Vor dem Atacama Crossing habe ich eine Leistungsdiagnostik gemacht, um zu sehen, wo ich stehe. Da war ein logisches Ziel: Bevor ich 250 Kilometer laufe, sollte ich vielleicht mal einen Marathon laufen. Das ist ja auch schon eine Herausforderung, die nur wenige bewältigen. Ich habe mich aber nicht zum Trainieren motivieren können. Marathon war für mich kein interessantes Ziel. Für mich ist es wichtig, auf Entdeckungstour zu gehen und Neuland zu entdecken. Es ist bestimmt euphorisierend, von den Massen getragen zu werden, aber ich habe da eher andere Baustellen.

Was kommt als nächstes?

Ufer: Im Juli geht es in die Türkei zum Run Fire Capadocia. Ein paar Tage danach in die USA zum Mountain Ultra in den Rocky Mountains. Im September wieder in die Türkei, danach zum Etappen-Rennen in Namibia. Und zwischendurch organisieren wir hier in Dortmund noch ein Trail-Wochenende – Traildorado. Das wird Deutschlands erste 24-Stunden-Trailrunning-Party. Das machen wir am Ebberg, im Naturfreundehaus. Das ist ganz toll gelegen. Parallel dazu gibt es Vorträge und Workshops zu ganz vielen Läufen rund um die Erde. Da wird dann am 4. Oktober auch die Premiere meines Films „Marathon am Mount Everest“ sein. Da haben wir jetzt zwei Jahre dran gearbeitet.

Trailrunning im Ruhrgebiet ist ja nicht so bekannt.

Ufer: Das Ruhrgebiet wird unterschätzt. Viele haben immer noch rauchende Schlote im Kopf, aber wenn man mal rausguckt, ist alles grün. Gerade die Industriekultur gibt eine Menge her. An dem Traildorado-Wochenende werden wir für Leute, die von weit weg kommen…

… Bayern…

Ufer: … Hawaii, Dänemark, egal, woher. Für die machen wir einen Industriekultur-Trip mit klettern im Duisburger Landschaftspark und vielen anderen Dingen.

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