Medizinische Studien zum Wohl der Patienten

Von Steffen Gerber
Bettina Berger koordiniert das Forschungs- und Lehrzentrum der Universität Witten/Herdecke am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Bettina Berger koordiniert das Forschungs- und Lehrzentrum der Universität Witten/Herdecke am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Foto: WP
Studien zum Wohle der Patienten: Bettina Berger koordiniert das Forschungs- und Lehrzentrum der Uni Witten/Herdecke für das Krankenhaus in Ende. Hier treffen sich Ärzte und Wissenschafttler zum medizinischen Austausch.

Herdecke.  Es gab Zeiten, in denen Privatuni und Gemeinschaftskrankenhaus (GKH) sehr wenige Gemeinsamkeiten hatten. Dass sich das Verhältnis in den letzten Jahren stetig besserte, zeigte der Kooperationsvertrag zur Bildung des Forschungs- und Lehrzentrums (FLZ) und die feierliche Eröffnung im Dezember 2012. Demzufolge bietet die Uni Strukturen für die Forschung schaffen, damit Klinikärzte trotz ihres Zeitproblems Studien anstoßen oder in deren Rahmen aktiv werden können. Oberstes Ziel: eine verbesserte Patientenversorgung.

Bettina Berger ist als Studienkoordinatorin für das FLZ verantwortlich, das zum Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin gehört. Die Kulturwissenschaftlerin und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin kümmert sich schon länger um Patientenorientierung in Forschung und Lehre. Sie baute dafür einen Studiengang an der Europauniversität in Frankfurt (Oder) auf – noch vor ihrem Engagement in Herdecke seit 2010. „Wissenschaftliche Studien gibt es viele, aber nicht alle sind für Patienten relevant“, sagt die 46-Jährige, die ihren geisteswissenschaftlichen Hintergrund für vorteilhaft hält, weil so die Patienten mehr im Fokus stehen. Die medizinische Perspektive bringen die Ärzte mit. „Bei allen FLZ-Studien kooperieren Krankenhaus und Uni.“

Immer mehr Therapeuten dabei

Zu Bergers Aufgaben gehören: Forschungsstrukturen am Gemeinschaftskrankenhaus schaffen, Studiendesigns entwickeln, bereits finanzierte Studien managen, Ethikanträge einreichen, dazu die Befähigung der Promovenden zum wissenschaftlichen Arbeiten, da dieses Thema an der Uni bisher weniger beachtet wurde. Studienassistentin Annette Weninger hilft Ärzten (und zunehmend Therapeuten) etwa bei der Datenerhebung und der Suche nach Studienteilnehmern. Berger: „Bei vielen Studien sind wir auf eine gute Kooperation mit den Ärzten angewiesen, deshalb nehmen wir ihnen so viel Arbeit wie möglich ab.“ Studienvorschläge können sowohl vom Krankenhaus als auch von der Uni kommen, das FLZ steht mit dem Zentrum für klinische Forschung der Uni zur Seite.

Einmal im Monat setzen sich Angehörige des Gerhard-Kienle-Lehrstuhls wie Leiter Prof. Peter Heusser und Berger mit dem GKH-Forschungsbeauftragten Dr. Alfred Längler, anderen Ärzten und Therapeuten des Gemeinschaftskrankenhauses zusammen. „Für die ist das freiwillig. Und es hat einige Zeit gedauert, hier eine arbeitsfähige Gruppe zusammen zu stellen“, ist Berger froh, dass die Diskussion von Forschungsvorhaben nun Bestandteil am Krankenhaus ist. „In anderen Kliniken ist die Forschung zum Beispiel durch Studienambulanzen und ähnliches noch besser integriert. Es gibt also noch Entwicklungsmöglichkeiten.“

Akademisches Lehrkrankenhaus

Während die andere Hälfte des FLZ, die Lehre, in der praktischen Umsetzung beim integrierten Begleitstudium angesiedelt ist, wünscht man sich langfristig ein akademisches Lehrkrankenhaus für die Privatuni, damit sich dort integrative Medizin weiter als fester Bestandteil etabliere und Fragen aus dem klinischen Alltag wissenschaftlich erfassen zu können. Denn da gäbe es noch etliche Schätze zu heben: Wie können etwa Querschnittsgelähmten zu einem Neuanfang motiviert werden? Oder: Welche Bedeutung hat die intensive Aufbahrungstradition von Verstorbenen am Krankenhaus für die Angehörigen?

Therapie für chronische Krankheiten

Aktuelle Beispiele derzeit laufender Studien: Das FLZ untersucht chronische Rückenschmerzen. Patienten erhalten Yoga, Krankengymnastik oder Eurythmie. Die Fragebögen, die die Studienteilnehmer ausfüllen, helfen herauszufinden, für welche Patienten welche Therapie am besten geeignet ist und was wie kombinierbar ist. „Das läuft sehr gut, die erste Phase mit 45 Teilnehmern aus der Region ist abgeschlossen.“ Die Ergebnisse der drei beteiligten Kliniken (u.a. Charité Berlin) mit Blick auf die Langzeitwirkung lassen noch lange auf sich warten, dürften aber auch für Krankenkassen interessant sein.

Gleiches erhofft sich das FLZ von Untersuchungen zur Brustkrebs-Nachsorge: 47 Prozent der Frauen seien nach der Behandlung chronisch müde. In Herdecke liegen Ergebnisse vor, mit den Resultaten anderer sollen therapeutische Angebote am GKH entwickelt werden. „Es gibt zur chronischen Müdigkeit Studien über Sport, unerforscht ist aber, was anthroposophisch über Kunst- und Schlaftherapie oder Eurythmie bewirkt werden kann“, setzt Berger auch dabei auf die Eigenkompetenz der Patienten.

Erforscht wird derzeit auch, was Kindern und Jugendlichen mit Typ 1-Diabetes hilt. Zudem läuft auch eine Untersuchungen zur Verträglichkeit einer Hautcreme. In Vorbereitung ist eine Arzneimittel-Studie: Helfen homöopathische Mittel zur Senkung der Schmerzmittel nach Bandscheiben-Operationen? „Arzneimittel-Studien sind sehr teuer und aufwändig, daher eher selten bei uns, aber genau so denkbar.“

Daher rückt das FLZ die Versorgungsforschung in den Mittelpunkt, Tenor: Welche Unterstützung brauchen Patienten, um ihre chronischen Erkrankungen im Alltag so selbstständig wie möglich managen zu können? Bettina Berger: „Dabei lassen sich auch niedergelassene Ärzte einbinden.“