Kinder erleben die Welt mit allen Sinnen

Die Kinder lernen, wie man ein Seil macht. Foto: Ingrid Breker
Die Kinder lernen, wie man ein Seil macht. Foto: Ingrid Breker
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Herdecke.. Der kleine Karl sitzt im Sand und sammelt Holzstöckchen. Dick eingepackt in Mütze, Schal und Winterjacke macht er sich Gedanken darüber, wie er denn hier ein Feuer machen könnte. Kein richtiges Feuer, aber passend zur Jahreszeit wäre es ja keine schlechte Idee, sich zu wärmen.

Karl und seine Freunde verbringen jeden Tag in der Natur und beschäftigen sich intensiv mit den Jahreszeiten. Die Kindergartenkinder erleben alles mit ihren Sinnen und erkunden die Welt selbst. Karl besucht den Waldorfkindergarten in Ende. Doch was genau steckt hinter der Waldorfpädagogik?

„Die Waldorfpädagogik nach Rudolf Steiner ist eine Beziehungspädagogik. Die Begegnung mit dem Kind ist ehrlich und authentisch. Steiner ging davon aus, dass es eine Einheit von Geist, Körper und Seele gibt. Basierend auf diesem speziellen Menschenbild arbeiten wir jeden Tag“, erklärt Andrea Fink-Belgin, Vorstandsmitglied des Kindergarten-Vereins.

Im Vordergrund der Waldorfpädagogik stehe das lebende und lernende Kind. Das heißt, dass jedes Kind individuell und frei erzogen werden soll. Voraussetzung dafür ist ein fester Tagesrhythmus. Morgens kommen die Kinder zwischen 7 und 9 Uhr an und werden von ihren Eltern zu den Erziehern gebracht. Das „Freispiel“ beginnt, wo die Kinder toben und spielen können. Kurz vor dem Frühstück gibt es noch eine kleine Geschichte, ein Fingerspiel oder das sogenannte Reigen. Das sind ausgewählte Lieder, die durch sinnvolle Gesten begleitet und zu einem freien rhythmischen Spiel gestaltet werden. Nach dem Frühstück ist es Zeit für einen langen Spaziergang in den Feldern und Wäldern. Ganz gleich, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint, die Kinder gehen raus und erkunden die Natur. Nach dem Mittagessen geht es eher ruhiger in der Kinderstätte zu.

Der Wochenrhythmus spielt auch eine Rolle. Ein Mal in der Woche steht Eurythmie, eine expressive Tanzkunst ähnlich dem Ballett, auf dem Programm. Eine Stunde lang hören die Kinder eine Geschichte und machen bestimmte Bewegungen zu Begriffen. So wird unter anderem der Bewegungsdrang der Kinder gefördert. Zusätzlich können die Kinder sich ein Puppenspiel ansehen, mit Wasserfarben malen und an einer Wanderung teilnehmen. All diese Dinge geben dem Kind ein Gerüst, einen Rahmen und einen Rhythmus, der meist gleich bleibt und kaum Unregelmäßigkeiten zulässt.

Auch die Auswahl an Spielzeug ist bei der Waldorfpädagogik gut durchdacht. Es handelt sich um Gegenstände und Materialien, die die Fantasie der Kinder anregen. Es sind Tücher, Bretter, Holzklötze, Körbe, Muscheln, Kastanien, Obstkerne, Eicheln, Steine, Tannenzapfen. Dies ist sozusagen das „Urmaterial“, aus dem man fast alles herstellen kann. Was man im Waldorfkindergarten vergeblich sucht sind Medien wie Hörbücher. Auch auf Technik wird im weitesten Sinne verzichtet.

Die Erzieher gestalten passend zur jeder Jahreszeit einen sogenannten Jahreszeitentisch. Es werden Püppchen gebastelt und eine Landschaft nachgeahmt. Die Kinder stellen sich um den Tisch und lauschen den Geschichten und spielen das Gehörte nach.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist eine gesunde und werthaltige Ernährung. Es gibt jeden Tag etwas anderes auf dem Teller. Salat, Hirse, frisches Brot, Obst und Gemüse und andere Leckereien stehen dann auf dem Speiseplan. Selten gibt es Fleisch. Auch auf Süßigkeiten und künstliche Süßungsmittel wird verzichtet. Birgit Berg, Leiterin des Kindergartens: „Mit einer guten Ernährung kann eine gute geistige Entwicklung beim Kind stattfinden.“ Auch können die Kinder ihr Müsli selber zubereiten, was ihnen die Möglichkeit gibt, selbstständig zu sein und selbst zu erfahren, wie es schmeckt, was sie vorbereitet haben.

Dadurch, dass Kinder und Pädagogen in einer geschlossenen Gruppe ihre Zeit verbringen, lernen die Kinder viel von den Erziehern und ahmen nach, was man ihnen vorlebt. Sie bekommen den Raum zur Verfügung gestellt, wo sie ihre Persönlichkeit entfalten können. Wird der Teig für Brötchen am Morgen zubereitet, gibt es immer Kinder, die beim Zubereiten helfen wollen. Sie sehen zu, sie wollen helfen oder werden ihrerseits tätig. Dabei ist die Erzieherin ein Vorbild für die Kinder. Und wer nicht helfen möchte, kann in der Zeit spielen oder sich anderweitig beschäftigen.

„Wir sollen authentisch, fantasievoll sein und die Kinder unterstützen“, erzählt Birgit Berg und sagt weiter: „Rudolf Steiner hat von Erziehungskunst gesprochen. Und wir erfinden uns jeden Tag neu.“ Die Erziehungskunst lässt sich nicht in ein festes Programm einbinden. Sie wird lebendig mit dem schaffenden Tun im Tageslauf. Der Kindergarten ist ein großer Haushalt, der auf die Lebensbedürfnisse der Kinder eingestellt ist. Jede Gruppe hat zwei Erzieher, die sich um jedes Kind individuell kümmern. Auch die hellen, großen Räume mit der Möglichkeit, nach draußen zu gehen, gehört zu den Ansätzen der Waldorfpädagogik. Ein Nebenraum ermöglicht den Kindern, sich zurückzuziehen. Decken, Kissen und Kuschelecken laden zum Verweilen und Träumen ein. Aber auch Bauklötze, Puppen und andere Materialien animieren die Kinder sich zu beschäftigen. Dabei dienen die Vorschulkinder, auch Königskinder genannt als kleine Vorbilder für die Jüngeren. Birgit Berg und ihr Team mit bis zu 20 Mitarbeitern entdecken auch die verborgenen Talente und Neigungen der Kinder: „Wir schauen bei den Kindern, welche Begabung sie haben und fördern sie.“

Seit 1969 gibt es den Waldorfkindergarten Herdecke. Mit 100 Kindern und 20 Mitarbeitern ist es der größte Kindergarten dieser Art in NRW. Tendenz steigend.

 

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