Im Tauschring Herdecke helfen sich Mitglieder gegenseitig

Steffen Gerber
Neue Nachbarschaftshilfe: Im Tauschring Herdecke sollen Mitglieder sich gegenseitig bei verschiedenen Aktivitäten unterstützen und helfen
Neue Nachbarschaftshilfe: Im Tauschring Herdecke sollen Mitglieder sich gegenseitig bei verschiedenen Aktivitäten unterstützen und helfen
Foto: WP
Mitglieder bieten anderen ihre Fähigkeiten als Leistung an: 30 Herdecker gründeten nun den Tauschring. Die Aktiven erhalten dafür „Talente“.

Herdecke.  Eine Gründungsversammlung kann schon mal staubtrocken sein. Ganz anders ging es nun in der Begegnungsstätte Frühlingstraße zu, wo fast 30 Her­decker den Tauschring aus der Taufe hoben. Satzungsfragen waren schnell erledigt, die praktischen Aspekte standen gleich im Vordergrund. Und gute Sprüche. Beispiel: Ein Mitglied bietet anderen Hilfe in Sachen Haustechnik an und schraubt die Erwartungen herunter. „Ich kann kein Kernkraftwerk in Betrieb nehmen.“

Damit zum Prinzip des Tauschrings, den es bereits in Nachbarstädten wie Hagen, Witten oder Schwerte gibt und der in Herdecke aus den Reihen der ZWAR-Gruppe (Zwischen Arbeit und Ruhestand) entstand. Es geht um gegenseitige Unterstützung, die ohne Geld abgegolten wird. Da jeder gewisse Talente hat, ist dies die Verrechnungseinheit. Die Mitglieder, die über 18 Jahre alt sein müssen, bieten ihre Fähigkeiten innerhalb dieses Kreises an. Für eine Arbeit oder Dienstleistung, die knapp eine Stunde dauert, erhält der Ausführende 20 Talente (Richtwert). Im Gegenzug bekommt der oder die Hilfesuchende diesen Betrag von einem Konto abgezogen, wobei jeder mit einem Guthaben von 100 Talenten startet und sich entsprechend um eine ausgewogene Inanspruchnahme von Dienstleistungen im Vergleich zu seinen Aktivitäten kümmern sollte. „Wer sein Konto überzieht, bekommt vom Orga-Team erst einen Verweis auf die gelbe, später dann auf die rote Ampel bis hin zur Sperrung“, erklärt Tauschring-Buchhalter Till Gerhardt.

Angesichts des breit gefächerten Angebots, das die kleine Gruppe bereits parat hält, geht manch einer eher von einer Abgabe auf das Sozialkonto aus, das ab einem Plus von 700 Talenten bestückt wird. Auf einer Liste, die bald auch im Internet mit entsprechendem Passwort verfügbar ist, finden sich Tätigkeiten wie Einkaufshilfe, Gartenarbeit, Entrümpeln oder Möbel aufbauen, Computer-Erklärungen, Fahrdienste, Babysitten, vorlesen und mit Kindern spielen, Begleitung bei Arztbesuchen oder Behördengängen, kurzzeitige Demenz-Betreuung, Tierversorgung oder mit dem Hund Gassi gehen, kochen und backen als Vorbereitung von Festen, stricken und nähen, Kunst und Dekoration, in Urlaubszeiten Blumen in Wohnungen gießen oder auf das Haus aufpassen. Und vieles mehr.

Weitere Angebote kommen hinzu

„Wir sind erst am Anfang, aber hochmotiviert“, so Gerhardt. Künftig soll es neben den gemeldeten Angeboten auch eine Liste mit gesuchten Tätigkeiten geben. Aber alles im Rahmen, wie Uschi Beyling aus der Organisations-Mannschaft betont: „Wir sind keine Konkurrenz für Handwerker oder andere Berufsgruppen.“ Wichtig auch der Hinweis, dass niemand über den Tauschring versichert sei und im Falle von Verletzungen die private Haftpflicht greife. „Wir sind kein Verein, jeder ist für sich selbst verantwortlich“, sagt Beyling und verweist auf ein Duo, das Streit schlichten könnte. „Ich habe aber aus der Umgebung noch nie von schwierigen Schadensfällen gehört.“ Es gebe auch kein Gewährleistungsrecht nach einer Aktion.

Einmal im Monat trifft sich nun der Tauschring in der Begegnungsstätte Frühlingstraße, um Erfahrungen auszutauschen und Verbesserungen anzuregen. Dann können die Mitglieder auch einen Blick auf ihr Guthaben-Konto werfen, das Gerhardt nach dem Erhalt von Coupons nach Tauschleistungen verwaltet. Als Ansprechpartner und Anlaufstelle ist auch die Bürgerstiftung Herdecke mit im Boot. In dringenden Fällen können Tauschring-Mitglieder in der Geschäftsstelle anrufen, von dort kann über die vorhandene Liste im Idealfall auch kurzfristig Unterstützung organisiert werden.

Die Initiatoren hoffen, dass in der nahen Zukunft auch jüngere Mitglieder zum Tauschring stoßen. Neben Rentnern gibt es auch einige Berufstätige. „Ich kann donnerstags nicht“, sagte etwa ein Mitglied bei der Gründungsversammlung. Ein anderes schränkte ein: „Ich habe nicht so viele Fähigkeiten wie andere und kann daher nur ein bisschen anbieten.“ Das wollte das achtköpfige Orga-Team geraderücken: „Jeder hat Talente und bestimmte Fähigkeiten“, sagt Uschi Bey­ling. „Und da wir alle nicht jünger werden und einige allein leben, kann der Tauschring gut helfen.“

Treffen meist am ersten Donnerstag im Monat

Der Tauschring erhebt für organisatorische Ausgaben eine Jahresgebühr von 5 Euro. Die nächsten Treffen: 3. März, 7. April, 12. Mai, 2. Juni, 7. Juli, 4. August, usw. Beginn ist jeweils um 18 Uhr.

Interessierte Neuzugänge sollten zwecks Vorgesprächen ab 17.30 Uhr in die Begegnungsstätte Frühlingstraße kommen.