Hohe Masten und Angst um die Gesundheit

Amprion informiert im Ruderclub über die Freileitung. Rechts Amprion-Sprecher Claas Hammes.
Amprion informiert im Ruderclub über die Freileitung. Rechts Amprion-Sprecher Claas Hammes.
Foto: WP
Beim Netzausbau scheiden sich die Geister. Das zeigte sich beim Amprion-Infotag, bei dem die Mitarbeiter des Netzbetreibers versuchten, Bürgern ihre Zweifel angesichts hoher Masten und elektromagnetischer Felder zu nehmen.

Herdecke..  Ein grüner Punkt soll für den Netzbetreiber Amprion deutlich machen, ob die Informationsveranstaltungen, die derzeit in Herdecke und auch Hagen stattfinden, ihren Zweck erfüllen. „Hat sich der Besuch gelohnt oder war es Zeitverschwendung“, wird gefragt. Die meisten Punkte klebten am Ende der zweiten Infoveranstaltung, dieses Mal im Ruderclub neben dem Zweibrücker Hof, am oberen Ende der Skala. Es hat sich gelohnt, den Amprion-Mitarbeitern Fragen zu stellen, Zeichnungen und Karten zu sehen und auch Diskussionen zu führen. Überzeugt vom Nutzen des Projektes waren allerdings nur wenige. „Ich würde gerne auch noch einen zweiten Punkt aufkleben“, sagt einer der Besucher. „Dafür, dass ich dagegen bin.“

Mieteinnahme als Altersversorgung

Es ist keine leichte Aufgabe, die die Amprion-Mitarbeiter gemeinsam mit einer Agentur für Krisenkommunikation, dort stemmen müssen. Nur wenige Besucher können sich damit anfreunden, dass sie demnächst Nachbarn einer 380-Kilovolt-Freileitung sind. Und dass sie auf Masten schauen, die meist doppelt so hoch wie bisher in den Himmel ragen. Also werden Zahlen herausgesucht, Standorte begutachtet und Größen verglichen – bis auf den Zentimeter. Mast Nummer 17 ragt demnächst 60,25 Meter in die Luft. Auf seinen Armen Leitungen, die weitaus dickere Kabel tragen. Jetzt stehen dort zwei Masten mit einer Höhe von 33,82 und 34,28 Metern.

„Die bisherige Leitung verschwindet im Grünen“, sagt Susanne Beinlich, die nicht nur in der Nähe der Freileitungstrasse wohnt, sondern auch noch einige Mieter hat, die auf die Masten schauen. Nun fürchtet die Herdeckerin, dass ihre Wohnungen enorm an Wert verlieren. „Das ist meine Einnahmequelle und meine Altersversorgung“, sagt sie. „Die wird mir nun genommen.“ Das Argument, dass statt der bislang 70 Masten nur noch 40 aufgebaut werden, zählt für sie nicht. Dort wo die neuen Stahlriesen stehen, werde der Wert von Immobilien gemindert.

Gilbert Benke tauscht mit der betroffenen Hausbesitzerin am Rande der Diskussion Adressen aus. Man will sich zusammen schließen, gemeinsam gegen den Ausbau der Freileitung vorgehen. „Ich habe schon Probleme mit der Vermietung, seit ein dritter Mast auf der Trasse hinzukam“, sagt Benke, der ebenfalls ein Haus in Sichtweite der Trasse besitzt. Und nicht nur der verbaute Blick schrecke die Menschen ab, auch die Frage, ob denn diese Höchststromleitungen der Gesundheit schaden können, bewege die Menschen.

Hier hakt Amprion-Sprecher Claas Hammes ein und führt die Gruppe zu einer Stellwand, auf der Grenzwerte notiert und Messkurven aufgezeichnet sind. „Der Grenzwert für die magnetische Flussdichte liegt bei 100 Mikrotesla“, sagt Hammes. „Unsere Skala reicht nur bis 20 Mikrotesla, weil die magnetischen Felder noch darunter bleiben.“ Susanne Beinlich reicht das nicht: „Was ist in 30 Jahren? Wenn dann einer von uns krank ist, helfen die Grenzwerte nicht mehr.“ Die Eloquenz, mit der Hammes und sein Kollege Jörg Prygoda ihre Erkenntnisse darstellen, beeindruckt dann aber noch. „Kann ich Sie zu einem Seminar einladen für neue Mieter?“ fragt Beinlich . . . ein leicht ironischer Unterton ist allerdings nicht zu überhören.

Das Kind verloren

Claas Hammes gibt nicht auf, zumal er vom Netzausbau überzeugt ist: „Das ist ein tolles Projekt, weil es ein Energiewende-Projekt ist.“ Er glaube an die Grenzwerte. Ein älterer Herr, der zwar verrät, dass er Elektrotechniker war und das Thema Starkstrom an der Technischen Universität Aachen studiert hat, seinen Namen aber nicht sagen will, springt den Amprion-Mitarbeitern zur Seite. „Es ist doch alles viel besser geworden. Im Ruhrgebiet regnet es nicht mehr Staub. Und die Stromleitungen schaden niemandem“, sagt er. Gibt aber zu, dass der Wertverlust für die direkten Anlieger ein Problem sei.

Ein Problem, das Petra Hagenkötter gerne mit einem schnellen Verkauf lösen würde. Weg von der Freileitung. Denn die Herdeckerin hat Zweifel, ob es nicht doch gesundheitliche Folgen gibt. Sie selbst hat ein Kind verloren, das mit einem schweren Herzfehler geboren wurde. Einen Zusammenhang könne sie natürlich nicht belegen, sagt sie. Doch beunruhigt sie, dass im Haus zwei Frauen an Krebs erkrankten, in der Nachbarschaft seien es vier Menschen. Den Amprion-Sprecher Claas Hammes fragt sie direkt, ob er es verantworten könne, wenn jemand durch die Strahlung krank werde. „Was ist, wenn eine Familie unser Haus kauft? Mit Kindern. Und ein Kind stirbt.“ Es habe kein Zusammenhang zwischen Freileitungen und Leukämie bewiesen werden können, erklärt der Amprion-Mitarbeiter. Überzeugen kann er die Anwesenden damit nicht.

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