Hengsteysee-Brücke bleibt für rollende Radfahrer gefährlich

Steffen Gerber
Auch dieser Radfahrer überquert entgegen der Vorschriften die Hengsteysee-Brücke vom Herdecker Schiffswinkel auf die Hagener Seite. Dabei müsste er eigentlich absteigen und schieben, zumal mehrere Schilder auf die Gefahren durch die Gleise hinweisen
Auch dieser Radfahrer überquert entgegen der Vorschriften die Hengsteysee-Brücke vom Herdecker Schiffswinkel auf die Hagener Seite. Dabei müsste er eigentlich absteigen und schieben, zumal mehrere Schilder auf die Gefahren durch die Gleise hinweisen
Foto: WP Michael Kleinrensing
Radfahrer sollen absteigen und schieben: Nach dem schweren Unfall auf der Hengsteysee-Brücke verweisen Polizei und RWE dort auf Schilder.

Herdecke/Hagen.  Die Schatten der Vergangenheit. Der Bau und die Belieferung des Koepchenwerks erfolgten größtenteils über Schienen, auch in der Neuzeit rollt(e) ab und an schweres Material über die Gleise. Und die sind vor allem tückisch für Radfahrer, die am Hengsteysee auf der Brücke zwischen Herdecke und Hagen unterwegs sind.

Auf Anfrage teilt die Polizei mit, dass der schwere Unfall am 4. August, als ein 55-Jähriger mit seinem E-Bike zu Boden ging und mit dem Kopf gegen einen Pfeiler prallte, in einer Reihe von „schienenbedingten“ Stürzen seit 2011 steht. Die Hagener Beamten, die für zwei Drittel der Brücke zuständig sind, berichten von zwei leichtverletzten Radfahrern am 3. November 2015 und am 11. April 2016. Auf dem Herdecker Drittel registrierte die Polizei Ennepe-Ruhr zuletzt am 23. April 2014 einen Leichtverletzten nach einem Überholversuch sowie einen weiteren knapp sechs Wochen später. Wie kann das sein, zumal mehrere Schilder im nahen Umfeld auf die Gefahren hinweisen und Radler angewiesen sind, ihr Gefährt über die Brücke zu schieben?

Fakt ist: Viele radeln über die knapp 150 Meter lange Brücke und gehen das Risiko ein. Wer das Verbotsschild 239 ignoriert und erwischt wird, muss mit einem Bußgeld von 15 Euro rechnen. Wer dadurch andere behindert oder gefährdet, zahlt fünf bzw. zehn Euro mehr. Für die Herbeiführung eines Unfalls werden 30 Euro fällig, auch eine Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung ist möglich.

Bei wiederholten Auffälligkeiten, wenn Radfahrer sich grundsätzlich nicht regelkonform verhalten, kann die Polizei dies dem Straßenverkehrsamt melden. Das prüft, ob der Betroffene für den Straßenverkehr geeignet ist. „In extremen Fällen kann das bis zum Entzug der Fahrerlaubnis führen. Bei einfacher Missachtung des Zeichens 239 steht dies aber nicht zu befürchten.“

Kontrollen und Prävention

Die Polizei behauptet, dass Kontrollen an dieser Stelle „im Rahmen des täglichen Dienstes stattfinden“. Zudem weise hier die EN-Behörde Verkehrsunfallprävention und Opferschutz mit dem Bezirksdienst Herdecke in unregelmäßigen Abständen, jedoch mindestens einmal im Jahr, auf allgemeine Gefahren und die spezielle Problematik „Fahren im Gleiskörper“ hin. Weitere Schwerpunktaktionen gebe es nicht, da sich hier keine Unfälle häufen. Gleichwohl stufte die Unfallkommission im Jahr 2014 den Ort nach den beiden genannten Vorfällen als „unfallauffällig“, aber nicht als Häufungsstelle ein. Bauliche Änderungen der Verkehrsführung waren aber nicht möglich, so die Polizei.

Bei RWE als Eigentümerin der Brücke und der Stadt Herdecke sind die Probleme der Radfahrer am Hengsteysee bekannt. Zuletzt reagierte der Konzern in Abstimmung mit der Verwaltung 2013, als auf 150 Metern vom Restaurant Schiffswinkel bis zum Bootsanleger die Schienen auf der Straße mit Gummi ausgekleidet und neue Warnschilder aufgestellt wurden. 11 000 Euro kostete die Entschärfung. „Hier treffen Passagiere des Personenschiffes, Gäste des Restaurants, Fahrradfahrer, Fußgänger, Jogger etc. aufeinander. Durch das hohe ‘Verkehrsaufkommen’ entstand ein erhöhtes Risiko, dass Radfahrer ungünstig in die Schienen fahren oder Fußgänger umknicken“, erklärt RWE-Sprecherin Stephanie Möller.

Das führt zur Frage, ob Gummi auch die Schienen auf der Brücke sicherer machen könnte. Für RWE sind die Voraussetzungen aber andere. „In den weiteren Gleisbereichen gibt es diese vielfältige und gebündelte Nutzung nicht, so dass dort andere Maßnahmen zur Verkehrssicherung umgesetzt wurden“, teilt Möller mit. Wie auch die Polizei in ihrer Unfall-Meldung kürzlich angab, weisen an vielen Stellen in dieser Problemzone Warnschilder auf die Gefährdungen hin. Anders gesagt: Wer sich korrekt verhält und absteigt, überquert die Brücke sicher.

Hintergrund: Die Brückennutzung ist ansonsten nur für den Werksverkehr freigegeben, also für Mitarbeiter von RWE und des Ruhrverbands. Normalerweise riegelt eine Schranke den Zugang ab, so dass unberechtigte Fahrzeuge nicht über die Brücke rollen können. „In diesem Jahr gab es leider wiederholt Schäden an der Schrankenanlage durch Vandalismus“, berichtet Möller. Bis zur Erneuerung fehlen also derzeit die zwei Balken. Im Gegensatz dazu sei die „Gummi-Strecke“ ja ein öffentlicher Weg, den alle Verkehrsteilnehmer nutzen können.

Unfalllage nicht weiter auffällig

Dennoch könnten ja Polizei und Verantwortliche Verbesserungen ins Visier nehmen. „Für Abstimmungsgespräche mit RWE sind die Straßenverkehrsbehörden zuständig“, so die Polizei. Deren Direktion Verkehr habe sich mit der Stadt Herdecke ausgetauscht. Ergebnis: „Das zuständige Sachgebiet gab an, keine entsprechenden Gespräche initiiert zu haben.“ Es gebe keine Ansatzpunkte für bauliche Veränderungen. Und: „Da die Unfalllage zudem nicht weiter auffällig ist, wird kein weiterer Handlungsbedarf gesehen.“ Wer also Schilder missachtet, gefährdet sich selbst. Und wer sich und sein Rad liebt, der schiebt.