Gul zurück aus Afghanistan - Wetter soll neue Heimat werden

eli
Als Jugendlicher wurde Gul Mohammad 1995 u.a. in Wetter operiert und lebte als Gastkind bei Angelika Dienstbier; jetzt kehrte er mit seiner ganzen Familie nach Deutschland zurück
Als Jugendlicher wurde Gul Mohammad 1995 u.a. in Wetter operiert und lebte als Gastkind bei Angelika Dienstbier; jetzt kehrte er mit seiner ganzen Familie nach Deutschland zurück
Foto: WP
Der afghanische Junge Gul wollte sich 1995 nahe seiner Heimatstadt Kabul vor Heckenschützen in Sicherheit bringen und trat dabei auf eine Mine. Das Hammer Forum holte ihn zur Behandlung nach Deutschland. Angelika Dienstbier aus Wetter nahm Gul danach als Pflegekind auf. Nun hat Gul mit seiner Familie wieder Zuflucht in Deutschland gesucht. Wetter soll ihre neue Heimat werden.

Wetter. „Werde Präsident von Afghanistan und sorge für den Frieden.“ Diese Worte hatte Angelika Dienstbier ihrem ehemaligen Pflegekind Gul Mohammad bei dessen Rückkehr in die Heimat mit auf Weg gegeben. 18 Jahre sind seitdem vergangen. Gul ist mittlerweile 35 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern. Vom Frieden aber ist Afghanistan weiter entfernt als je zuvor. Deswegen hat Gul mit seiner Familie Zuflucht in Deutschland gesucht - und im Auffanglager in München auch gefunden. Bei einem Wiedersehen mit Familie Dienstbier am Harkortberg flossen viele Freudentränen.

Rückblende: Im Januar 1995 wollte sich der afghanische Junge Gul nahe seiner Heimatstadt Kabul vor Heckenschützen in Sicherheit bringen und trat dabei auf eine Mine, die sein rechtes Bein zerfetzte. Über das Hammer Forum kam der Junge nach Deutschland, zunächst in ein Krankenhaus in Wipperfürth. Im Juli 1995 nahm Angelika Dienstbier Gul als Pflegekind in ihre Familie auf.

„Für die medizinische Behandlung war ein Krankenhausaufenthalt nicht mehr nötig, aber sie musste dennoch fortgesetzt werden“, erinnert sich Angelika Dienstbier, die damals als Krankenschwester im wetterschen Krankenhaus arbeitete. Gul bekam eine Prothese, besuchte gemeinsam mit Marek Dienstbier die Hauptschule, lernte Deutsch - und blieb bis Ende August bei seiner Pflegefamilie in der Wolfgang-Reuter-Straße. Nach einer weiteren Operation in Trier kehrte er schließlich im Dezember ‘95 in seine Heimat zurück.

Nur ein einziges Mal hat die Wetteranerin ihr Pflegekind in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten gesehen. „Das war 1998, als ich mit dem Hammer Forum für neun Wochen in Afghanistan war, um dort die orthopädische Station eines Krankenhauses mit aufzubauen. Da hat Gul mich dort auch besucht.“

Umso größer war die Freude, als Gul jetzt mitsamt seiner Familie am Bahnhof aus dem Zug stieg: „Da liefen einfach nur noch die Tränen.“ Auch für den 35-jährigen war die Rückkehr zu den Dienstbiers in Wetter mit großen Emotionen verbunden. „Es hat sich viel verändert. Es gibt eine neue Brücke und kein Krankenhaus mehr“, so der 35-Jährige. „Aber als wir mit dem Zug über die alte Brücke nach Wetter gekommen sind, da habe ich meiner Frau gesagt: Da oben, das ist der Harkortturm.“

Gul ist seit 2002 Dolmetscher für das deutsche Militär

Wie es ihm in seiner Heimat Afghanistan ergangen ist und warum er dort mit seiner Familie nicht mehr leben kann, das erklärt Gul Mohammad beim Frühstück im Wohnzimmer der Dienstbiers. Seit Juli 2002 schon arbeitete Gul als Dolmetscher für das deutsche Militär, angestellt bei der ISAF, der internationalen Sicherheitstruppe unter NATO-Führung. „Zunächst in Kabul, später dann, als die Deutschen nach Nordafghanistan gegangen sind, sind wir auch umgezogen“, berichtet Gul Mohammad.

Doch mit Beginn des Truppenrückzugs der ISAF konnte Gul sich seines Lebens nicht mehr sicher sein: „Als Kanadier, Engländer und Amerikaner Truppen abgezogen haben, haben sie ihre Mitarbeiter mitgenommen. Nur die Deutschen nicht. Dabei wäre ich auch gerne weggegangen; denn meine Landsleute betrachten mich und alle anderen Einheimischen, die mit ISFA-Truppen gearbeitet haben, als Verräter.“

Wiedersehen in Wetter - Dienstbiers wollen zusammen rücken 

Gul bekam Drohbriefe; sein ältester Sohn Abed (11) ist nur knapp einer Entführung entgangen. Immer wieder wandte sich der heute 35-Jährige in an die Bundeswehr und bat um Hilfe. Dann endlich kam die erlösende Nachricht: Am 20. Januar konnte Gul Mohammad mit Frau und Kindern nach Deutschland ausreisen. Mitgenommen haben sie nur das, was sie tragen konnten.

Seitdem lebt die siebenköpfige Familie in einem Übergangsheim in München. Doch dort will Gul nicht bleiben. Wetter dagegen kann er sich als neue Heimat sehr gut vorstellen. Dass Angelika Dienstbier ihn ein weiteres Mal mit offenen Armen in ihrem Haus aufnehmen wird, ist eigentlich nicht der Rede wert: „Unsere Kinder sind alle schon ausgezogen. Und wenn wir ein bisschen zusammen rücken, dann klappt das schon.“

Will heißen: Eine Bleibe hat Familie Mohammad schon. Und der Umzug soll möglichst in den Sommerferien über die Bühne gehen, damit die Kinder sich gar nicht erst in München eingewöhnen. Dann will Gul Arbeit finden; denn vom Staat zu leben ist nicht seine Sache. „Ich möchte arbeiten, um meine Familie zu ernähren“, sagt er und lächelt seine Frau Fahranaz an, die im August wieder ein Baby erwartet: „Das wird ein deutsches Kind.“