Fracking-Andeutung bei Herdecker Zwangsversteigerung

Susanne Schlenga
Der Widerstand gegen das sogenannte Fracking ist in Nordrhein-Westfalen sehr groß, wie etwa dieses Plakat in Mülheim zeigte.
Der Widerstand gegen das sogenannte Fracking ist in Nordrhein-Westfalen sehr groß, wie etwa dieses Plakat in Mülheim zeigte.
Foto: Thomas Emons
Ein Satz aus der Ankündigung einer Zwangsversteigerung verwundert viele Herdecker: „Das Grundstück liegt im ‘Erlaubnisfeld Ruhr’“. Dies ist eines von 22 Feldern in NRW, an denen eventuell Fracking möglich sein könnte. Schrauben sich demnächst Bohrer ins Erdreich?

Herdecke.  Der Satz in der Ankündigung einer Zwangsversteigerung eines Grundstücks samt Haus in Herdecke-Ende ist kurz und knapp: „Das Grundstück liegt im ‘Erlaubnisfeld Ruhr’, das das Recht zur Aufsuchung/Gewinnung von Kohlenwasserstoffen beinhaltet (‘Fracking’).“

Schrauben sich demnächst die Bohrer ins Herdecker Erdreich? Müssen Grundstücksbesitzer um den Wert ihrer Immobilien fürchten? Oder ist der Hinweis auf mögliche Bodenschätze eher als Bonus zu verstehen?

„Gutachter müssen nach Paragraf 194 des Baugesetzbuches alle rechtlichen Gegebenheiten, tatsächlichen Eigenschaften und die sonstige Beschaffenheit eines Grundstücks oder einer Immobilie in den Blick nehmen“, sagt Diplom-Ingenieurin Susanne Kösters, die in der Region als Gutachterin tätig ist. „Wenn man Kenntnis von etwas hat, unabhängig ob es positive, negative oder neutrale Folgen hat, sollte es erwähnt werden.“ Dabei ginge es um Altlasten ebenso wie um Bergschäden oder mögliche Rechte, die zu einem Grundstück gehören.

Das „Erlaubnisfeld Ruhr“ gehört zu 22 Bergbauberechtigungen, die das Land NRW „zur Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen zu gewerblichen Zwecken“ erteilt hat. Auf zusammengenommen mehr als 20.000 Quadratkilometern summieren sich diese Felder. Im Vergleich: Das Land NRW hat eine Fläche von 34.000 Quadratkilometer.

Abstecken wie bei Goldgräbern

Nun muss niemand fürchten, dass die Wintershall Holding, die gemeinsam mit der Statoil Deutschland die Rechte am „Erlaubnisfeld Ruhr“ hält, in naher Zukunft mit dem Bohrwagen in Wetter oder Herdecke anrückt. Denn: Die bislang erteilte Erlaubnis gleicht einer Claim-Absteckung. So, wie zu Goldgräber-Zeiten im Wilden Westen Gebiete wortwörtlich „abgesteckt“ wurden, haben die großen Energiekonzerne die Flächen in NRW und anderen Bundesländern unter sich aufgeteilt. Ganz ohne konkretes Wissen um tatsächlich vorhandenes Gas. Und: Die Bezirksregierung in Arnsberg unterscheidet zwischen „zwei Arten von behördlichen Entscheidungen“: Zum einen gibt es eine Bergbauberechtigung, die einem Unternehmen „prinzipiell das Recht einräumt, Bodenschätze aufzusuchen bzw. zu gewinnen“. Der zweite Schritt wäre die konkrete Zulassung betrieblicher Maßnahmen, etwa Bohrungen.

Genau an dieser Stelle steht das Stopp-Schild. „Die Landesregierung hat den Genehmigungsstopp aus dem Jahr 2011 im vergangenen Jahr verlängert“, sagt Frank Seidlitz, Sprecher im NRW-Umweltministerium. Hintergrund ist eine Risikostudie, die vor etwa einem Jahr präsentiert wurde. „Danach sind noch viele Frage offen“, so Seidlitz: „Für die Beantwortung gibt es derzeit keine zeitliche Dimension.“

Hintergrund

Fracking bezeichnet eine Erdgas- oder Ölgewinnungsart, bei der Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in tiefliegende Gesteinsschichten gepresst werden. Die eingesetzten Chemikalien könnten zu einer Verunreinigung des Trinkwassers führen, warnen Umweltschützer.

Das „Erlaubnisfeld Ruhr“ reicht von der niederländischen Grenze bis ins Sauerland. Herdecke und Wetter liegen in vollem Umfang in dem Claim der Partner Wintershall und Statoil.