Flüchtlinge sind in Herdecke lange ein Thema

Die frühere Geschichtslehrerin Margrit Sollbach-Papeler mit dem Skript eines Schülerprojekts von 1998 über Flüchtlinge vor den Nachkriegshäusern am Heimweg.
Die frühere Geschichtslehrerin Margrit Sollbach-Papeler mit dem Skript eines Schülerprojekts von 1998 über Flüchtlinge vor den Nachkriegshäusern am Heimweg.
Foto: WP
Ein Skript aus dem Jahr 1998 – dem Jahr des Kosovo-Krieges – zeigt, dass das Thema Flüchtlinge seit Generationen die Menschen bewegt.

Herdecke..  Anders ist komisch. „Ihr müsst Euch das so vorstellen“, sagt die Zeitzeugin über Vorurteile gegen Flüchtlinge, „Sie kamen plötzlich an, sprachen anders, aßen anders, kleideten sich anders. So liefen die Frauen in der Regel mit Kopftüchern herum.“ Nein, hier erinnert sich niemand an die Ankunft der Syrer vor wenigen Monaten. Die damals 65-jährige Herdeckerin berichtet Schülern, wie es war mit den Flüchtlingen in der Zeit nach dem großen Krieg. Einiges ist überraschend ähnlich, vieles grundsätzlich unterschieden von heute.

Über „Flüchtlinge und Heimatvertriebe nach 1945 in Herdecke“ haben Schüler der Friedrich-Harkort-Schule vor mehr als einem Vierteljahrhundert 35 Schreibmaschinenseiten zu Papier gebracht. Margrit Sollbach-Papeler hat sie jetzt noch einmal gelesen und sich so in Erinnerung gerufen, wie die Jungen und Mädchen ihrer damaligen 10B auf Spurensuche gegangen sind. Außerhalb des regulären Unterrichts blickten die Schüler gut eine Generation zurück und fanden ganz außergewöhnlichen Spaß an der Geschichte. „Die haben sich große Mühe gegeben“, sagt Margrit Sollbach-Papeler voller Anerkennung. Beflügelnd wirkte, dass dieser Teil der Geschichte weniger in Schulbüchern zu finden war. Die Jungen und Mädchen wälzten alte Zeitungsbände über Hagen und die Region, vor allem aber fragten sie Zeitzeugen Löcher in den Bauch.

Zeitzeugen von morgen

236 378 Flüchtlinge sind bis Anfang 1946 nach Westfalen eingereist, 2968 aus der amerikanischen Zone. So haben es die Schüler erkundet und ein Bild aufgeklebt, das eine große Menschenmenge zeigt – der Andrang auf ein Wohnungsamt in einer Ruhrgebietsstadt Ende 1945. Die Wohnungsnot war groß. An der heutigen Robert-Bonnermann Grundschule war außer der Turnhalle auch der umgebaute Dachboden für Flüchtlinge bestimmt. „Wegen des Raummangels mussten wir unsere Lehrerkonferenzen morgens stehend auf dem Schulhof abhalten“, zitieren die Schüler Fritz Kollatz, den Rektor der früheren evangelischen Volksschule.

„Man war auch ein bisschen neidisch, weil die etwas bekamen, was man selbst nicht hatte“, erinnert sich Margrit Sollbach-Papeler an die eigene Schülerzeit. Auch wenn vieles vergleichbar scheint – Tücher als Abtrennung in den Massenunterkünften, schroffe Ablehnung wie freundliche Aufnahme – sieht die Historikerin doch zwei große Unterschiede: „Die Flüchtlinge sprachen die selbe Sprache, wenn auch manchmal mit Dialekt. Und den Menschen, die sie aufnehmen sollten, ging es selbst nicht gut.“

Wie ist das mit den fremden Menschen und ihrer Aufnahme? Selbst wenn sich die Schüler von heute gar nicht in dieser besonderen Rolle sehen: Sie sind sie die Zeitzeugen von morgen.

 
 

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