Fast jeder Patient schluckt zu viele Pillen

Manche Pillencocktails können Patienten auch schaden.                                                                                              Foto: Matthias Hiekel
Manche Pillencocktails können Patienten auch schaden. Foto: Matthias Hiekel
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Professor Dr. Andreas Sönnichsen von der Uni Witten/Herdecke hat herausgefunden, dass die meisten Patienten zu viele Medikamente schlucken. Zwei Drittel der verschriebenen Pillen seien nutzlos. Der Grund: Hausärzte sind oft überfordert, so seine Erklärung.

Herdecke/Witten..  Fast ein Drittel der Medikamente von so genannten Polypharmazie-Patienten (Menschen, die mehr als zwei Medikamente einnehmen müssen) werden ohne „Evidenzbasis“ verschrieben, das heißt, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen gibt. Das ist ein Ergebnis einer kleinen Vorabstudie (169 Patienten aus 22 allgemeinmedizinischen Praxen) der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke (UW/H).

1 Was hat die Medikamenten-Studie ergeben?

In dieser Studie wurden Patienten untersucht, denen im Durchschnitt etwa neun verschiedene Medikamente pro Tag verordnet worden waren. Im Mittel fand sich bei 2,7 Medikamenten keine wissenschaftliche Begründung für die Verordnung. Über 90 Prozent der Patienten wiesen mindestens eine unbegründete Arzneimittelverschreibung auf. Darüber hinaus fanden sich Dosierungsfehler bei 56 Prozent der Patienten. Auch zu beachtende Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten wurde bei über der Hälfte der Patienten festgestellt. Dazu waren 37 Prozent der über 65-Jährigen Medikamente verordnet worden, die bei alten Menschen nicht angewendet werden sollten.

2 Was können Ursachen für falsche Medikation sein?

Die Hausärzte der betroffenen Patienten fühlen sich überfordert. Wie sollen sie die langen Medikationslisten, mit denen Patienten aus der Klinik entlassen werden oder von verschiedenen Fachärzten zurückkommen, kritisch durchforsten? Wie sollen sie entscheiden, welches Medikament wirklich erforderlich ist? Viel zu häufig werden Medikamente unnötigerweise gegeben, und viel zu viele. Das Ergebnis ist „Polypharmazie“ – ein Pillencocktail mit negativen Folgen für den Patienten, im günstigsten Fall nur reversible Nebenwirkungen, aber nicht selten gerade bei älteren Patienten unnötige Krankenhausaufnahmen oder gar Todesfälle.

3 Was soll nun weiter geschehen?

In einer neuen europaweiten Studie des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Witten/Herdecke soll den Hausärzten nun geholfen werden. Unter Berücksichtigung von Diagnosen, Laborwerten und Begleiterkrankungen wird eine elektronische Entscheidungshilfe Vorschläge machen, welche Medikamente am ehesten entbehrlich oder gar schädlich sind. Diese Studie läuft in den nächsten Wochen an, und interessierte Ärzte und Patienten können sich beteiligen.

 
 

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