Eltern sammeln in Herdecke Erfahrungen als Ego-Shooter

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Warum hängen Kinder so oft vor dem PC? Die VIA-Suchberatungsstelle veranstaltete in der FHS Herdecke einen Themenabend Computerspiele.

Herdecke/Wetter..  Es dauert keine zwanzig Sekunden, dann hat Knuth mich erledigt. Und ich darf bei meinem eigenen Tod auch noch einmal zuschauen, denn mit dem finalen Schuss wechselt das Computerspiel die Perspektive und zeigt mir, wie Knuth seine Maschinenpistole auf mich richtet und abdrückt.

„Call of Duty“ ist das zweite Spiel bei der Eltern-LAN-Party, zu der die VIA-Suchberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt im Rahmen der Aktionstage Sucht eingeladen hat. Und „Call of Duty“ bedeutet für mich den mehrfachen Tod, Knuth dagegen würde auch nach der zweiten Runde noch gerne weiterspielen. Der Informatiker hat Spaß am Wettstreit der beiden Teams, die aus den zwei Dutzend Eltern gebildet wurden. „Es geht nicht ums Ballern, sondern ums Gewinnen“, sagt Knuth Waltenberg.

Fast vier Stunden haben sich an diesem Abend Eltern mit der Faszination Computerspiel auseinandergesetzt. Ihre Motivation: Sie wollen ihre Kinder verstehen, die so selten den Aus-Knopf an ihrem PC finden. Und die Kinder sind in der Regel Jungs, das wird schon bei der Vorstellungsrunde deutlich. Wer in den Computer-Raum der Friedrich-Harkort-Schule gekommen ist, hat Söhne im Alter zwischen 9 und 15 Jahren. Ein Alter, in dem Lego-Steine langsam im Schrank verschwinden und stattdessen im virtuellen Raum bei „Minecraft“ die Steine aufein­ander gestapelt werden. Bei 12- bis 15-Jährigen liegt dieses Spiel nach Zahlen der so genannten JIM-Studie 2015 auf Platz eins der Computerspiel-Hitliste.

Zwischen Faszination und Sucht

Wer nun denkt, dass die Nutzer bei diesem Spiel allein die analoge Lego-Welt mit einer virtuellen Klötzchen-Umgebung tauschen, irrt. Denn je nach Spielmodus wird auch hier geschossen. Ähnlich, wie im Kriegsspiel „Call of Duty“. Nur dass Gegner wie Helden nicht als reale Figuren dargestellt werden. Sterben müssen sie dennoch.

Warum so viel Gewalt? Diese Frage stellen sich die meisten Teilnehmer an diesem Abend. Und: Wieso können die Kinder nicht mehr aufhören, diese Spiele zu spielen? Schnell kommt auch die Frage nach der Sucht. „Die ist relativ klar definiert, auch wenn es noch keine offiziellen Kriterien und eine Anerkennung von Online-Sucht gibt“, erklärt Daniel Heinz, der gemeinsam mit Linda Scholz den Spiele- und Infoabend leitet. Die Mitarbeiter der Fachstelle für Jugendmedien sind als Spieleratgeber unterwegs, klären auf, testen, beraten. Eltern wie Kinder.

Kopfschmerzen, Gereiztheit, Nervosität, die ausschließliche Beschäftigung mit dem Computer, Abfall schulischer Leistungen und das Vernachlässigen sozialer Kontakte – all das sind nach Aussage der Experten Anzeichen für eine Sucht. Allerdings müssten schon mehrere Kriterien zusammen kommen, um von einer tatsächlichen Abhängigkeit zu sprechen, beruhigt Daniel Heinz.

Zwischen einer echten Sucht und einer starken Faszination muss also unterschieden werden. Doch was macht diese Faszination aus? Zwei Spielrunden – einmal beim Autorennen, eine zweite beim Ego-Shooter „Call of Duty“ – sollen den Erwachsenen ein Gefühl dafür geben, warum sich Kinder und Jugendliche oft nur schwer von Maus und Tastatur trennen können. Das erste, was die Mütter und Väter aber lernen, ist, dass sie allesamt zu langsam für diese Spiele sind. Die Finger müssen auf der Tastatur die Figuren im Spiel bewegen, die Maus dreht den Kopf und löst den Schuss aus, eine kleine Karte im Bildschirm zeigt, wo die Mitspieler gerade sind. Hand, Auge, Hirn – alles muss koordiniert werden und das sekundenschnell. Sonst fliegt der Rennwagen aus der Bahn oder Knuth erwischt die gegnerische Spielfigur an der nächsten Ecke.

Im Team gegenüber hat es eine Mutter bereits zum dritten Mal geschafft, ihre Rundenzeit bei Track Mania, dem Rennspiel, zu verbessern. „Wenn man Erfolg hat, will man noch mehr“, sagt sie. Andere sind dagegen schnell gelangweilt und fragen sich, warum sie den Wagen noch ein weiteres Mal starten sollen. Auch beim Baller-Spiel „Call of Duty“ gehen die Meinungen auseinander. Andrea Latusek, die als Suchtberaterin in Wetter und Herdecke immer häufiger mit Fragen zur Online-Sucht konfrontiert wird, empfindet den Kampf zwischen den Häuserschluchten als Spiel, „so wie Mensch-ärger-Dich-nicht“. Die Szenerie drumherum hat sie gar nicht so im Blick. Jürgen Mühl dagegen, Leiter der Beratungsstelle, hat Schwierigkeiten, „die Realität auszublenden“. Das, was da auf dem Computerbildschirm simuliert werde, geschehe täglich irgendwo im wirklichen Leben. „Das empfinde ich als problematisch.“

Abschalten ist durchaus möglich

Ob realistisches Umfeld oder eine wenig menschliche Fantasiewelt – die Grundlagen der Spiele ähneln sich in der Regel. Es geht um das erfolgreiche Lösen von Aufgaben, um Reaktionsschnelligkeit, logisches Denken und Teamgeist (viele Spiele werden in Gruppen gespielt). Wie welche Spiele wirken, was für Ziele gesetzt werden und wie sie pädagogisch eingeschätzt werden, zu diesen Fragen liefern die Spieleratgeber auch online Antworten. Dort – und auch bei der Eltern-LANParty – werden Informationen geliefert, die für Eltern durchaus hilfreich sind. „Es gibt Spiele, die in Runden gespielt werden und in Interaktion mit anderen Spielern“, erklärt Linda Scholz. „League of Legends“ zum Beispiel, ein Fantasy-Strategiespiel, in dem es um das Erobern und Zerstören der gegnerischen Basis geht. Eine Runde dauert 45 Minuten, „abschalten ist also durchaus möglich“, gibt Linda Scholz eine für Eltern einen wichtigen Hinweis. Denn die Antwort „Ich kann jetzt nicht ausmachen, sonst schaffe ich das Level nicht“, kennen wohl alle Eltern mit Kindern an Konsole oder PC.

Interesse zeigen ist wichtig

Abgeschaltet haben die Männer und Frauen bei der Lan-Party die Computer recht schnell. Für sie war das Gespräch wichtiger, der Austausch der Erfahrungen mit anderen Eltern und den Experten. „Abgeschaltet“ haben sie aber nicht mit Blick auf ihre Kinder. „Und das ist eines der wichtigsten Kriterien für einen gesunden Umgang mit neuen Medien“, sagt Daniel Heinz. „Schauen Sie hin, was Ihre Kinder tun. Sprechen Sie mit Ihnen, zeigen Sie Interesse.“ Und: Allein der Hinweis, doch weniger am PC zu sitzen, reiche nicht. Es müsse auch im realen Leben spannende Alternativen geben.

 
 

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