Ein Spiegel für die Lügner und Betrüger

"Time to kill" heißt das neue Stücke des Koffertheaters. Ein Psychothriller mit Tiefgang.
"Time to kill" heißt das neue Stücke des Koffertheaters. Ein Psychothriller mit Tiefgang.
Foto: WP
Das Koffertheater liefert mit „Time to kill“ Unterhaltung mit Tiefgang. Das Ensemble zeigt eine beeindruckende Leistung.

Wetter..  Einen Psychothriller auf die Bühne zu bringen, ist angesichts medialer Konkurrenz ein Wagnis. Seit Alfred Hitchcock in „Psycho“ das Blut in der Dusche fließen ließ, hat das Genre immer neue Effekte erfunden, um das Publikum das Gruseln zu lehren. Dass dieses Grauen vor den eigenen Abgründen auch mit stimmigen Dialogen und ausgesuchten Charakteren auf der Bühne funktionieren kann, bewies das Ensemble des Koffertheaters bei der Premiere von Leslie Darbons „Time to kill“. Und das mit durchaus ironischen Zwischentönen, ohne die Spannung zu opfern.

Verzwickte Geschichte

Die Geschichte ist verzwickt und doch eine ganz alltägliche. Rosemary Mancini hat eine Überdosis Tabletten genommen, im vierten Monat schwanger. Sie stirbt – auch, weil ihr im letzten Moment niemand geholfen hat. Der Tod wird zu den Akten gelegt, ein Schuldiger nicht wirklich gesucht. Doch Rosemarys Freundin Maggie (Mona Köhler als schöne und unendlich gelangweilte Provinz-Ehefrau) will das nicht akzeptieren und nimmt mit ihren Freundinnen das Heft in die Hand.

Vier Frauen machen dem Weiberhelden Alan Sexton, von Kris Köhler mit dem nötigen oberflächlichen Charme und einer unerwarteten Tiefe gespielt, den Prozess. Das Urteil scheint festzustehen, bevor die erste Zeugin gehört wurde: Todesstrafe. Maggie lässt keinen Zweifel daran, dass sie denjenigen bestrafen will, der ihre Freundin auf dem Gewissen hat. Doch je näher sie der Wahrheit kommt, umso klarer wird auch ihr Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten und auf die Abgründe ihrer Ehe mit Don, hemdsärmelig von Niklas Peternek gegeben.

Und auch ihre Freundinnen bleiben nicht lange das, was sie zu sein scheinen: die sensible, aber durchaus rachsüchtige Helen, in ihrer Zaghaftigkeit perfekt gespielt von Annette Montag, die forsche und pragmatische Jane (Sabine Gruß gibt dieser nach Außen strukturierten, im Inneren aber zerrissenen Figur eine stimmige Kontur) sowie die etwas schlichte Tina-Liz (Janina Weber mit überzeugender Selbstverliebtheit): Sie alle haben ihre verborgene Seite, sind verstrickt in die Geheimnisse der Kleinstadt, tragen eine (Mit)schuld. Leslie Darbon zeichnet ein präzises Beziehungsgeflecht, hält den Frustrierten und Verzweifelten, den Betrügern und Lügnern den Spiegel vor. Regisseur Guido Dubielzig hat unterstützt von Kirsten Gürster (Assistenz) und Merlin Schöke (Technik) die Vorlage, „die seit zwölf Jahren in meiner Schublade lag“, perfekt umgesetzt und das Koffertheater-Ensemble zu einer beeindruckenden schauspielerischen Leistung geführt.

Nicht nur Kurzweil

Ein spannender Theaterabend, der das Publikum berührt, aber nicht belastet. Der also im Schiller'schen Sinne nicht nur Kurzweil bietet, sondern auch moralisch und emotional auf die Menschen einwirkt.

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