Ein Pirat, der einst ein Grüner war

Bastian Haumann

Wetter/Schwelm.  Nahender Ankreuz-Stress in NRW, kaum eine Laterne ohne Wahlkampfplakat. Von hoch oben grinsen die Politiker die Autofahrer an. Pirat Martin von Böhlen, Ex-Kölner, heute Schwelmer, grinst nicht. Gut, vielleicht bei den Wahlprognosen für seine Piratenpartei – aber nicht von Plakaten. „Bei den Piraten zählen die Inhalte, nicht die Köpfe“, betont er ausdrücklich.

Für einen Klischeepiraten sei er übriges zu alt, gibt er zu, Jahrgang 1963. Den Beruf aber passt: Informatiker. Dabei wollte er mal Meeresbiologe werden. „Hoffnungsvoll schrieb ich an das Max-Planck-Institut“, erinnert er sich. „Als Informatiker verdiente ich besser und legte mir daher nur einen Fischteich zu.“

Eine weitere seiner großen Leidenschaften ist die Geschichte, sein Interesse für die Menschen, für ihr Verhalten. Martin von Böhlen hält zu dem Thema sein Lieblingsbuch in der Hand: Konrad Lorenz, „Der Abbau der Menschlichkeit“. Und diesen Abbau der Menschlichkeit, den will er ändern. Als Pirat. „Ich bin Pirat, weil Piraten die Welt retten könnten, wenn man sie ließe“, sagte er und zitierte sich selbst.

Es ist eine seiner Aussagen, mit denen er sich auf der Piratenseite im Netz vorstellt. Politisch sei er schon immer interessiert und aktiv gewesen, nicht als Pirat, sondern bei den Grünen. „Das war irgendwann Mitte oder Ende der Achtziger.“ Bis zum Parteiaustritt von Jutta Ditfurth – die er eigentlich nicht mal mochte. Sie sei ihm zu extrem gewesen. „Doch das ist völlig Wurst.“ Wie seine alte Partei Ditfurth schließlich mitspielte, ging ihm gegen den Strich. „Die Grünen warfen ihre Grundsätze über Bord, sie warfen die Basisdemokratie über Bord.“ Und von Böhlen zog einen Schlussstrich, verabschiedete sich von den Grünen.

Noch nie ein Nichtwähler

Dann folgte eine Zeit des Wahlroulettes, er machte mal da, mal da sein Kreuz. Nichtwähler wollte er nie sein. Sich politisch festlegen? Nicht bei den Alternativen. Bis er im Hafen von Bremen einen Piraten reden hörte, irgendwann 2009. „Das ist es“, habe er sich gedacht. „Der Pirat sprach Dinge an, die ich schon immer politisch gewollt habe.“ Ein paar Irrungen und Wirrungen hielten ihn dann aber von dem Parteieintritt ab – vorerst. Als es ihn dann von Köln nach Schwelm trieb – aus beruflichen Gründen – war er dann aber aktiv dabei. „Und das vor Berlin“, sagt er ausdrücklich. Also vor dem Hype um die Piraten, den ihr Einzug in das Berliner Parlament auslöste.

Hier in der Region war er Mitbegründer einiger Piratenstammtische, betrieb Wahlkampf im Saarland, in NRW. Die Piratenideologien durchboxen – das will er nicht. Dass die Piraten sich anpassen können, zeigt alleine schon seine Kandidatur, die eben gegen das Prinzip ihres „kopflosen“ Demokratieverständnis steht – was sich zwar auf die Wahlplakate bezieht, auch wenn Kritiker den Piraten eine andere Art der Kopflosigkeit vorwerfen.

„Aber das sind die Spielregeln unserer Politik. Ich habe mich dazu entschieden, mich aufstellen zu lassen und nehme das auch sehr ernst.“ Schließlich wolle kein Pirat eine Revolution, sondern im Sinne der Grundordnung der Freiheit Reformen durchsetzen. „Politik ist immer die Kunst des Machbaren.“ Und die herausragendste Eigenschaft seiner Piraten sei einfach, dass nach einer Entscheidung alle genau für diese Sache einstehen. „Auch, wenn sie vorher dagegen waren. Ich hätte das nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Und die Piraten machen da weiter, wo die Grünen damals falsch abgebogen sind.“