Ein fester Platz im Leben

Sitzen in einer Musterwohnung in Volmarstein: Johannes Gierse und Maren Wißling
Sitzen in einer Musterwohnung in Volmarstein: Johannes Gierse und Maren Wißling
Foto: WR

Wetter.. Johannes Gierse ist ein lebhafter junger Mann mit festem Händedruck. Jetzt, mit 25 Jahren, misst er 1,42 Meter. Als Kleinkind wurde er von seinem Kinderarzt als „Sitzriese“ bezeichnet. Seine Eltern erhielten lange keine ausreichende Diagnose, was denn mit ihrem Sohn nicht stimmte. Erst als im Fernsehen am Ende der 80er Jahre eine Dokumentation über kleinwüchsige Menschen gezeigt wurde, wusste seine Mutter, was mit ihrem Sohn los war.

„Nur der Körper war etwas kleiner“

Heute kann Johannes Gierse über diese Zeit lachen, auch darüber, dass ihn ein Lehrer bei der Einschulung bat, das Wort „Ball“ auszusprechen. „Er hat mich wie einen Dreijährigen behandelt“, erklärt Johannes Gierse, „dabei war ich geistig natürlich genauso toppfit wie andere Kinder, nur mein Körper war eben etwas kleiner.“ Die Grundschulzeit durchlief der heute 25-Jährige problemlos, die Klassenkameraden halfen. Ein verstellbarer Stuhl und eine Bank, um an die Tafel zu schreiben, reichten als Hilfsmittel. In der Gesamtschule nahmen die Hänseleien zu. „Es hielt sich aber alles noch im Rahmen“, sagt Johannes Gierse über diese Zeit. Während der Pubertät wollte er nichts mit dem Thema Kleinwuchs zu tun haben: „Ich habe es einfach verdrängt, hatte durch die Pubertät andere Probleme.“

Das bestätigt auch Maren Wißing. Die 26-jährige hübsche, junge Frau arbeitet heute als Sozialpädagogin und lebt in einer Wohngemeinschaft. Ihre Chefin wollte bei der Einstellung nur wissen, ob sie ihre Kleinwüchsigkeit nicht in den Vordergrund stellen wird.

Mit den richtigen Hilfsmitteln wie niedrigerem Schreibtisch und passendem Stuhl ist das „normale“ Arbeiten für Maren Wißing kein Problem. „Jetzt fällt meine Kleinwüchsigkeit im Berufsleben niemandem mehr auf, sie ist zur Normalität geworden.“ Auch Johannes Gierse hat seinen Traumberuf gefunden. Er wird Erzieher. „Die Kinder im Kindergarten waren schon erstaunt, dass ich so klein bin. Ich habe ihnen gesagt, es gibt große und kleine Bäume, genauso wie große und kleine Menschen, das haben sie gut verstanden.“

Schräge Blicke an der Tagesordnung

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein im Leben der beiden jungen Leute. Blicke, ob mitleidig oder schräg, sind doch noch an der Tagesordnung, „aber wir ignorieren das, durch die Bewältigung unserer Probleme haben wir viel Selbstbewusstsein entwickelt.“

Beide engagieren sich in der Kinder- und Jugendarbeit des BKMF (Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien), der die Ausstellung „Betrachtungsweisen“ organisiert hat, die jetzt im Forschungsinstitut Technologie und Behinderung (FTB) der Evangelischen Stiftung Volmarstein eröffnet wurde. Die Ausstellung stellt die Lebenswelt kleinwüchsiger Menschen in den Mittelpunkt. Sie soll die Öffentlichkeit aufklären, Vorurteile abbauen, sowie für Barrieren sensibilisieren, die den Alltag kleinwüchsiger Menschen erschweren.

Die Ausstellung ist bis zum 2. Juni montags und mittwochs von 14 bis 16 Uhr und dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 12 Uhr geöffnet, weitere Termine und Gruppenführungen nach Vereinbarung.

 
 

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