Brückensprengungen in letzten Kriegstagen im April 1945

Die von der Wehrmachte am 12. April 1945 gesprengte Overweg-Brücke, hier eine Aufnahme aus dem Winter 1946/47.
Die von der Wehrmachte am 12. April 1945 gesprengte Overweg-Brücke, hier eine Aufnahme aus dem Winter 1946/47.
Foto: Stadtarchiv Wetter
Vom Harkortberg in Wetter läutete Nazi-Gauleiter Hoffmann den Rückzug ein. Die US-Truppen fanden auch in Herdecke zerstörte Brücken vor.

Wetter/Herdecke..  Mit dem Vorrücken der Alliierten aus dem Raum Dortmund/Witten wurde auch für die Bevölkerung in den Ruhrstädten das Kriegsende eingeläutet. Vor der Kapitulation sprengte die Wehrmacht noch alle Brücken, um ein weiteres Vordringen der Amerikaner zu erschweren. Der Hagener Historiker Dr. Ralf Blank, der auch über regionalgeschichtliche Entwicklungen aus jener Zeit einige Bücher veröffentlicht hat, fasst die Ereignisse wie folgt zusammen:

Wie intensiv wurde der Vormarsch aus beiden Städten in jenen Tagen noch bekämpft? Gustav Niermann aus Ende schilderte in den Herdecker Blättern (Heft 7/Mai 1995), wie er am 11. April vom Schraberg vorrückende Amerikaner sah.

Ralf Blank: Das kann durchaus sein, da die US-Truppen natürlich auch Spähtrupps eingesetzt haben, die im Vorfeld die Lage sondierten. Die Kämpfe waren insgesamt jedoch gering, vor allem im Vergleich zu anderen Städten im östlichen Ruhrgebiet, um die häufig noch Tage mehr oder weniger stark gekämpft wurde. Solche „Endkämpfe“ und wie sie letztlich für die Bevölkerung endeten, waren immer auch von den jeweiligen Verantwortlichen aus Politik und Militär abhängig. Im Fall Herdeckes kapitulierte schließlich sogar der Bürgermeister und bewahrte die Stadt vor sinnlosen Verlusten und Zerstörungen.

Die Wehrmacht ließ am 12. und 13. April in beiden Städten sowie am Hengsteysee alle Brücken über die Ruhr sprengen. War dies komplett sinnlos, da der Vormarsch ohnehin nicht mehr zu verhindern war, oder hatte dies doch einen Effekt?

Das war vollkommen sinnlos. Doch der auf dem Harkortberg residierende Gauleiter Albert Hoffmann, der als federführender Reichsverteidigungskommissar im Ruhrkessel noch vor seiner Flucht in vorbereitete Verstecke nicht nur die Ruhrbrücken sprengen ließ, sondern auch noch die NSDAP und den Volkssturm in seinem Gau auflöste, wollte offenbar im Wortsinn alle Brücken hinter sich abbrechen.

Am Harkortberg war die zentrale Befehlsstelle für den Gau Westfalen-Süd. Wie lässt sich erklären, dass Wetter dennoch von größeren Luftangriffen seitens der Alliierten verschont wurde?

Die Alliierten hatten erst in der letzten Phase des Krieges Informationen über die Gaubefehlsstelle auf dem Harkortberg erhalten. Aus militärischer Sicht erschien sie ihnen offenbar für wenig wichtig. Ein Luftangriff etwa von taktischen Mittelstreckenbombern, die gefürchteten „Marauders“, hätte sicherlich auch in Wetter zu Schäden und Personenverlusten geführt.

Aus wetterscher Sicht lassen sich die Entscheidungen und das Wirken von Gauleiter Hoffmann bis 1945 wie beschreiben?

Die Gaubefehlsstelle auf dem Harkortberg war sozusagen ein „Führerhauptquartier“ in der Provinz. Hier erließ Hoffmann unter anderem Schießbefehle, hier tagte er mit der Gestapo. Und hier empfing er auch andere NS-Größen, wie in der Kriegsendphase auch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und Rüstungsminister Albert Speer. Es ist sicherlich ein belasteter Geschichtsort, der auch Schauplatz für Terrorbefehle und Verfolgung war. Für Wetter besitzt diese meines Wissens auf dem Gebiet Deutschlands einzige erhaltene Gaubefehlsstelle einen hohen Denkmalwert.

War mit der Kapitulation bzw. Übergabe an die Amerikaner am 13. sowie 14. April der Krieg quasi in beiden Städten beendet oder gab es weitere Kämpfe?

Gut, es gab hier und da einzelne Scharmützel wie etwa mit deutschen Scharfschützen, aber de facto war der Zweite Weltkrieg in beiden Ruhrstädten damit beendet.

Wie genau lassen sich die letzten Kriegstage rekonstruieren? Welche Unterlagen gibt es bei den Amerikanern oder auch von den Nazis? Und lässt sich die Zahl der Toten während des Zweiten Weltkriegs im jeweiligen Stadtgebiet beziffern?

Die Überlieferung in den Archiven ist auf deutscher Seite sehr rudimentär, was die letzten Kriegswochen betrifft. Aus alliierter Seite ist sie dagegen sehr umfassend, da die beteiligten Einheiten der US-Army eigene „After Action Reports“ erstellten, die teilweise minuziös festhalten, wie sich der Vormarsch und die Einnahme vollzogen haben. Genaue Zahlen über die in den letzten Kriegstagen getöteten Zivilisten und Soldaten sind auf deutscher Seite schwierig. Während sich die Verluste unter den GIs der US-Army bei der Einnahme von Herdecke und Wetter auf einzelne Verletzte beschränkten, fanden auch ausländische Arbeitskräfte durch Granatenbeschuss aus deutschen und amerikanischen Geschützen den Tod. Aber genaue Angaben sind leider schwer möglich.

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