Balanceakt zwischen Krankenhaus und Uni

Peter Matthiessen, Mitbegründer der Privat-Universität Witten/Herdecke und langjähriger Arzt am Gemeinschaftskrankenhaus
Peter Matthiessen, Mitbegründer der Privat-Universität Witten/Herdecke und langjähriger Arzt am Gemeinschaftskrankenhaus
Foto: WP
Vor 30 Jahren Mitbegründer der Uni Witten/Herdecke, heute noch in Ende aktiv: Kaum einer kennt die Verflechtungen zwischen der privaten Hochschule und dem Gemeinschaftskrankenhaus so gut wie Peter Matthiessen. Ein Porträt.

Herdecke..  Bei einem Besuch im Büro von Peter Matthiessen wird der Besucher das Gefühl nicht los, dass hier Umfeld und Lage zum 68-Jährigen prima passen. Viele Bücher symbolisieren das Wissen und die zahlreichen Tätigkeiten im Leben des Arztes und Universitätsprofessors. Und von der obersten Etage des Coniferenhauses am Gemeinschaftskrankenhaus hat er eine gute Übersicht über das, was er jahrelang mitgeprägt hat.

Matthiessen blickt aber nicht moralisch herab auf die Stationen. Wer so etwas denkt, wird gleich mit ein paar Eingangs-Anekdoten auf den Boden geholt. Als Mitbegründer der Uni Witten/Herdecke und renommierter Arzt am Ender Krankenhaus ist er beiden Institutionen bis heute aufs Engste verbunden. Als freier Mitarbeiter der Uni betreut er aktuell 14 Promovenden, schreibt weiter Fachartikel, zahlt dem Krankenhaus Miete und geht „nahezu täglich joggen“.

Als kritischer Geist rät der bekennende „Anthro“ (und Cello-Spieler) dem Krankenhaus, das Profil zu schärfen: „Die Pflege muss das Herzstück sein“, der Leitgedanke sei nach wie vor gut. Der Uni schreibt er ins Stammbuch: „Sie ist ein Kind des Gemeinschaftskrankenhauses, das ist nicht jedem Wittener bewusst.“ Dass es mal zu Rangeleien wie bei Mutter und Tochter komme, sei normal. „Glücklicherweise hat sich die Uni nach der letzten Krise wieder mehr auf ihr ursprüngliches Profil besonnen und verfolgt dezidierter eine Medizin mit menschlichem Antlitz in Forschung, Lehre und Patientenversorgung.“ Matthiessen steht für beide Einrichtungen. In der Uni-Anfangszeit (bis zur Gründung der GmbH 1987) saß er noch im Vorstand. Nach eigener Aussage war er auf Inhalte aus, musste nicht in der ersten Reihe sitzen und wollte sich nicht um Machtfragen oder Streitigkeiten zwischen Uni und Krankenhaus kümmern. „Ich beschäftige mich am liebsten mit Menschen, Patienten und Studenten gleichermaßen.“

Schily-Freund und Kienle-Anhänger

Als Freund von Konrad Schily hat er die Wunden gesehen, die in der Gründungszeit der Uni auf beiden Seiten entstanden. Präsident der privaten Hochschule wollte er nicht werden, dafür beiden Seiten gerecht werden. In die Gegend war er 1975 gekommen, als ihn Gerhard Kienle bis 1980 zum Arzt für Neurologie und Psychiatrie/Psychotherapie in Westende ausbildete. Hier arbeitet er immer noch, an die Heimat erinnert sich Matthiessen gelegentlich mit einem schwäbischen Rostbraten und Maultaschen.

Seine Lebensleistung? Lässt sich nur in Stichpunkten anreißen. Deutschlandweit prägte er die integrative Medizin, zwei Forschungsprojekte betreute er für die Bundesregierung. Er gilt als Vorreiter der Medizin-Theorie, war von Herdecke aus führend bei der psychiatrischen Behandlung Jugendlicher und junger Erwachsener, von 1996 bis 2009 Professor und Inhaber des Gerhard-Kienle-Stiftungslehrstuhls für Medizintheorie und Komplementärmedizin, 2000 Gründungsmitglied des Dialogforums Pluralismus in der Medizin (heute stellvertretender Sprecher). Und so weiter.

Zwei Berufungen nebeneinander

Die 22 Jahre als leitender Arzt und teils parallele Lehrstuhlleitung haben Spuren hinterlassen. „Das waren zwei 120-Prozent-Jobs. Aber als ich 2004 meine klinische Tätigkeit beendet habe, habe ich dies anfänglich dann schon vermisst.“ Nicht umsonst verfasste Peter Matthiessen Artikel mit Überschriften wie „Die Arzt-Patienten-Beziehung als Herzstück der Medizin“. Auch als anerkannter Theoretiker steht er ein für Zwischenmenschlichkeit, formuliert Thesen wie „die Krankheit als Chance, denn nach der Genesung kann ein besser Zustand als zuvor erreicht werden“.

Ein weiteres Herzensprojekt: die Jugendpsychiatrie. Junge Menschen mit Entwicklungsverzögerungen will er über die Arztdiagnose hinausgehend therapieren, hier komme es auf die Kooperation vieler an.

Über sich selbst sagt er: „Ich habe mich vom Mediziner zum Arzt entwickelt.“ Gleichwohl sieht er viele Fragen im Gesundheitswesen ungelöst, fordert daher u.a. mündige Ärzte, gute Ausstattungen und eine Kopf- statt einer Fallpauschale. Formales Wissen und reine Wissensvermittlung sind nicht sein Ding, ein Einser-Abiturient und Medizinstudent müsse auch naturwissenschaftlich und sozial was drauf haben. Daher betont er den ganzheitlichen Ansatz in Herdecke und Witten.

Beim Blick auf Krankenhaus und Uni sieht Matthiessen eine erfreuliche Entwicklung: „Die gegenseitige Wertschätzung ist in den letzten Jahren wieder deutlich gestiegen.“

 
 

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