Ankunft im China der Moderne

Shanghai/Wetter.  Die Reise begann in Wetter, doch der Bericht beginnt, als schon einige über 200 Kilometer hinter Niklas Weins liegen. Der 23-Jährige aus Wetter will ein Auslandssemester in Shanghai absolvieren. Mitte August startete er mit dem Flugzeug nach Moskau, um sich von dort gemeinsam mit seinem Freund Christopher auf die 3000 Kilometer lange Reise nach Shanghai zu machen. Für unsere Zeitung liefert Niklas Weins einen Reisebericht:

Nach einigen Tagen in der Metropole Moskau, wo wir uns das sommerliche Leben auf den Straßen und das kulturelle und geschichtliche Russland zu Gemüte geführt haben, ging es mit der kasachischen Fluggesellschaft Air Astana über die Hauptstadt Astana nach Ürümqi in der autonomen westchinesischen Provinz Xinjiang. Dort erwartete uns ein ganze andere Welt, die sich doch sehr von dem uns bekannten China unterscheidet.

Kein Bett, nur ein harter Sitz

Der zentralasiatische Westen Chinas hat bereits in mehreren Dynastien zum Reich der Mitte gehört, jedoch hat er sich sowohl mit der kulturellen als auch der sprachlichen Assimilierung stets schwer getan. Die Provinzhauptstadt Ürümqi (knapp vier Millionen Einwohner) liegt zwischen den Seidenstraßenposten Kashgar und Xi’an, der alten Hauptstadt des Kaiserreichs. Durch Ansiedlung leben viele Han-Chinesen dort, jedoch sind auch die einheimischen Uighuren noch eine bedeutende Gruppe, die das Stadtbild mit ihren Moscheen und Märkten bestimmt und einem an jeder Ecke das Gefühl von echtem Orient gibt.

Für unsere Weiterreise nach Shanghai hatten wir uns ausgemalt, mit dem Zug direkt mit dem einmal täglich von Ürümqi nach Shanghai verkehrenden Schlafzug zu fahren - allerdings hatten wir nicht mit dem Ende der Semesterferien gerechnet. Auch wenn in China das Flugzeug zu einem immer gängigeren Verkehrsmittel wird, ist der Zug noch immer das Verkehrsmittel der Wahl für weite Strecken. Statt einer durchgängigen 46-stündigen Fahrt mit weichem Bett hatten wir so nur die Option, in der dritten Klasse im „hard seat“ 36 Stunden bis nach Xi’an (das heißt nur die Hälfte der Strecke) zu kommen.

Es war eine abenteuerliche Fahrt durch die Wüste, auf der wir aber mit den Menschen ins Gespräch kamen und herzlich mit fremden Köstlichkeiten versorgt wurden. Viele unserer Mitfahrer kamen aus kleinen Dörfern und hatten noch nie einen Ausländer gesehen, so dass unsere Geschichten vom fernen Deutschland schnell viele interessierte Zuhörer fanden.

Die hygienischen Bedingungen und auch die Enge im Zug – einige Reisende hatten nur Tickets für Stehplätze – waren letztlich aber doch sehr anstrengend. Für die (gewöhnungsbedürftige) Hock-Toilette musste man lange anstehen, Wasser für Tee und Suppen gab es nur zu bestimmten Uhrzeiten, und die Leute, die auf dem Boden schliefen, haben uns den gewohnten deutschen Komfort natürlich sehr viel mehr wertschätzen lassen...

Terrakotta-Armee

Nach eineinhalb Tagen erreichten wir endlich die alte Hauptstadt Chinas, Xi’an. Unsere Jugendherberge, die von vielen Reiseführern gepriesen wird, befand sich in einem alten Hutong, einem traditionellen Innenhof. In zwei Tagen konnten wir eine Fahrradtour auf der gigantischen Stadtmauer, eine Besichtigung der Glocken- und Trommeltürme und einige Spezialitäten aus dem muslimischen Viertel genießen. Der Höhepunkt war jedoch die Besichtigung der weltberühmten Terrakotta-Armee des ersten Kaisers von China Qin Shihuang.

Von Xi’an aus ging es weiter mit dem Nachtzug, der uns nun in nur vierzehn Stunden und mit einem gemütlichen Bett der einfachsten Klasse nach Shanghai fuhr. Am ersten Tag warfen wir einen Blick auf die weiter gewachsene Skyline des Finanzdistrikts Pudong. Doch dann stand auch schon der Alltag an: Die Wohnungs- bzw. Wohnheimsituation musste geklärt werden, in der Uni war Schlangestehen und viel Bürokratie angesagt, bevor ich mein Zimmer auf dem Campus beziehen konnte. Die Registrierung im International Office war trotz langer Wartezeiten auch eine interessante Erfahrung, da man beim Warten andere Austauschstudenten kennenlernen konnte, die aus uns so fremden Ländern wie Samoa, Bangladesch und Kasachstan kommen.

Deutsch-chinesisches Kolleg

Deutsche gibt es an der Tongji Universität jedoch auch zuhauf. Im China des frühen 20. Jahrhunderts, eine Zeit, in der das Land viele Umbrüche erfuhr, wurde die Universität von einem deutschen Mediziner gegründet. Daher haben viele deutsche Universitäten Partnerschaftsprogramme mit der Tongji, was dazu führte, dass es ein eigenes deutsch-chinesisches Kolleg auf dem Campus gibt, das sich nur mit Studenten beschäftigt, die im jeweils anderen Land studieren möchten.

Nun beginnt bald der Uni-Alltag mit Sprach- und politikwissenschaftlichen Kursen auf Chinesisch. Bis dahin werde ich noch einiges vorbereiten müssen, auch um vollends im Reich der Mitte anzukommen. Zaijian! (Auf Wiedersehen)

 
 

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