Amprion-Vertreter ernten viel Widerspruch von Anwohnern

Amprion-Sprecher Claas Hammes (links) war am Redaktionsmobil mit wütenden Bürgern konfrontiert. Auf einen Nenner kam man kaum.
Amprion-Sprecher Claas Hammes (links) war am Redaktionsmobil mit wütenden Bürgern konfrontiert. Auf einen Nenner kam man kaum.
Foto: Jürgen Theobald
Streit um die geplante Höchstspannungsfreileitung in Herdecke: Teils sehr emotional ging es am Redaktionsmobil zu.

Herdecke..  Wut, Enttäuschung, Kritik: Bei der Fragestunde der Lokalredaktion zur geplanten Höchstspannungsleitung von Dortmund-Kruckel nach Hagen-Garenfeld über Herdecker Stadtgebiet machten vor allem Anwohner vom Schnee, Schraberg und Semberg ihrem Ärger Luft. Viele Vorwürfe prasselten auf die Amprion-Vertreter Claas Hammes und Dr. Andreas Preuß als Sprecher des Unternehmens ein, auch Vertreter der heimischen Politik und Verwaltung mussten sich in der emotionalen Diskussion vor dem Bauhof erklären.

Kritik an Informationen

Einige Anwohner beklagten sich, dass sie keine oder zu spät Informationen bekommen hätten und Termine in den Sommerferien stattfanden. Auch eine Telefon-Auskunft sei nach mehrfachen Versuchen ohne Erfolg geblieben. Laut Amprion seien 8000 und danach 20 000 Postwurfsendungen mit Hinweisen herausgegangen. Umso unverständlicher ist für Hammes, warum manches Info-Angebot auf so wenig Resonanz gestoßen sei. Zudem habe die heimische Politik das Thema „verbummelt“, wie eine Bürgerin meinte. Laut David Hatzky von der Bürgerinitiative Semberg hätten 98 Prozent der Anwohner bis vor Kurzem nichts von den Plänen gewusst.

SPD-Bürgermeisterkandidat Jan Schaberick räumte ein, dass die Parteien vielleicht „von Tür zu Tür hätten gehen sollen“, andererseits können Bürger sich in Ausschüssen zu Wort melden. Bürgermeisterin Katja Strauss-Köster gab zu bedenken, dass die Stadt nicht Herr des Verfahrens sei. „Die Bezirks- und Landesregierung muss da mit ins Boot.“ Die Verwaltung habe sich frühzeitig etwa gegen die „Verschandelung des Landschaftsbildes ausgesprochen, wir reichen jetzt auch Einwendungen gegen die Pläne ein.“

Die Gesundheit

Mit der rhetorischen Frage, wer schon unter solchen Stromtrassen wohnen wolle (Hammes: „Ich bin zwar kein Herdecker, würde aber hier wohnen bleiben“), gab es mehrfach sorgenvolle Hinweise auf Erkrankungsgefahren wie etwa Leukämie, gerade Kinder betreffend. Oder auch die Sorge, hier gewissermaßen als Versuchskaninchen herhalten zu müssen. Gerade für Wohngebiete mit Schulen und Kindergärten sollten verstärkt alternative Trassenwege geprüft werden. Preuß widersprach, dass er selbst unter einer Trasse aufgewachsen sei. Auf Hammes’ Einwand, dass es bei Höchstspannungsleitungen keine Gesundheitsgefährdungen gebe und man angesichts des höheren Stromdurchflusses nichts spüren werde, folgten Gelächter und Widerspruch.

Die Gesetzeslage

Immer wieder betonten die Amprion-Vertreter, dass sie nicht für die Gesetzgebung verantwortlich seien, sie sich aber bei der Trassenplanung den Regeln etwa des Energieleitungsausbaugesetzes unterwerfen. Eine lautet: keine neuen Betroffenheiten schaffen, sprich vorhandene Trassenverläufe für den Ausbau zu nutzen. Hammes: „Durch den Ausstieg aus der Atomkraft brauchen wir neue Stromautobahnen.“ Eine Besucherin des Redaktionsmobils gab zu bedenken, dass die Gesetze ja eigentlich Bürgern dienen bzw. sie schützen sollen.

Grundstücksfragen

Auf einzelne Grundstücksfragen wollte Hammes nicht eingehen, wobei bei der Bezirksregierung Arnsberg noch schriftliche Einsprüche gegen die Planungen bis zum 10. September möglich seien. Auf entsprechend Behörden-Anmerkungen dazu müsse dann Amprion Antworten liefern, ehe die Bezirksregierung entscheide. Hartmut Ahlborn von der Bürgerinitiative Semberg könne nach eigenen Angaben den Amprion-Antrag „zerpflücken, allein schon wegen der Angaben zu einer flachen Ebene. Dabei haben wir es hier mit einer hügeligen Landschaft zu tun, wobei die Hügel dann erst einmal abgetragen werden müssten.“ Und eine Anwohnerin rechnete vor, dass durch die Trasse ein Wertverlust von 50 000 Euro pro Haus auf einem Grundstück zu befürchten sei, was einen Gesamtschaden in Herdecke zwischen fünf und 35 Millionen Euro entsprechen könnte. „Vielmehr geht es hier aber um menschliche Aspekte. Hätten die Leute frühzeitig von den Plänen gewusst, wären sie nicht hier hingezogen.“

Was eine Mutter von zwei Kindern bestätigte, die ein altes Haus in der Erdbrügge nach langem Warten auf Baugenehmigungen aufwändig saniert hat und während vieler Gespräche im Bauamt keinen Hinweis auf die neuen Trassenpläne erhalten habe. „Ich bin enttäuscht, traurig und betroffen.“ Darauf entgegnete Bauamtsleiter Daniel Matißik, dass das Raumordnungsverfahren seit 2011 öffentlich bekannt gewesen sei und jeder hätte einsehen können, ob ein Grundstück im so genannten Schutzstreifen liegt.

Erdkabel als Alternative?

Ahlborn verwies darauf, dass die große Koalition in Berlin den Erdkabel-Ausbau fördern wolle. Laut Hammes fehlen aber noch die technischen Erkenntnisse in Sachen Gleichstrom von vier Erdkabel-Pilotprojekten. Zudem handele es sich bei der Herdecke betreffenden 380-KV-Trasse um Wechselstrom. Anders gesagt: Hier gebe es Abnahmepunkte, während andere Strecken „wie eine Autobahn ohne Abfahrten“ funktionieren. Und für Erdkabel müsse es eine neue Trasse geben, dafür sei in dicht besiedelten Gebieten aber kein Platz vorhanden. „Wir haben den Auftrag für ein sicheres Netz“, so der Amprion-Sprecher. Auch der Blick zu den vermeintlich erfolgreichen Bayern sei nicht hilfreich, da dort Erdkabel nur in einem kleinen Teil gelegt werden.

Dennoch fragte ein Bürger, ob man nicht mit dem Trassenumbau warten könne, bis die Ergebnisse des Pilotprojekts vorliegen. Hammes: „Das können nicht wir entscheiden.“

Zeifel an Innovation

Während des Streitgesprächs ging es auch um die Firma Amprion selbst. Sprecher Preuß zufolge sei diese mit 1100 Mitarbeitern ein mittelständisches Unternehmen und laut eigener Internetseite ein „innovativer Dienstleister“. Das Adjektiv nahm ein Anwohner auf und kritisierte, dass sich Amprion zu sehr hinter Gesetzen verstecke und daher mit Blick auf die Sorgen der Menschen „arrogant“ wirke. Und am Ende würden die Kosten für die neue Trasse über die Netznutzungsentgelte ohnehin auf den Verbraucher umgelegt. „Dabei hat sich die Technik weiter entwickelt, also sollten Sie es sich von Amprion nicht so leicht machen.“

Ein anderer Besucher drückte am Redaktionsmobil seine Enttäuschung darüber aus, dass Amprion in dem Planfeststellungsverfahren zu wenig über alternative Trassenverläufe etwa entlang der A1 und A45 mitgeteilt habe, wobei die Stadt Herdecke diese Prüfung 2011 gefordert habe. „Das wurde im Raumordnungsverfahren verworfen, da der Gesetzgeber sagt, dass wir in der alten Trassenführung bleiben sollen“, antwortete Hammes mit Blick auf eine „rechtssichere Planung“ und die Entscheidungen des Bundesenergieministeriums. Darauf entgegnete Ahlborn von der Bürgerinitiative, dass eine Trasse entlang der Autobahn vorzuziehen sei. „Alles andere ist ein Stück aus dem Tollhaus.“

Preuß verwies darauf, dass nach vielen Prüfungen eine Vorzugstrasse festgelegt wurde. „Wenn die Bezirksregierung eine andere als besser geeignet ansieht, wird unser Vorschlag nicht umgesetzt. Wir planen mit der rechtssicherchsten Variante und gehen davon aus, dass diese genehmigt wird. Wir sind für eine technisch sichere Stromversorgung verantwortlich und müssen neben menschlichen Aspekten auch auf Tiere oder Landschaften Rücksicht nehmen.“ Dazu gebe es vom Gesetzgeber festgelegte Grenzwerte für die elektrischen und elektromagnetischen Felder. „Wir bleiben darunter.“ Preuß kenne keine Studie, wonach von Amprion-Leitungen Gesundheitsgefahren ausgehen. Zudem bezweifle er, dass durch die Trasse die Grundstücke schlechter verkauft werden könnten, da es gesetzliche Vorgaben zu Entschädigungen in Leitungsschutzzonen gebe. „Wir machen keine Geschäfte auf Kosten der Leute.“

Auch Kostenfragen kamen mit Blick auf den knapp elf Kilometer langen Abschnitt zwischen Kruckel und Garenfeld zur Sprache. Für einen Kilometer Freileitung fallen laut Amprion etwa 1,5 Millionen Euro an. „Und eine Erdverkabelung ist keine Kostenfrage, sondern vom Gesetzgeber rechtlich an dieser Trasse bis Dauersberg nicht zulässig“, meinte Preuß, der für den Leitungsbau knapp ein Jahr veranschlagt.

Großes Fundament nötig

Damit zu den Fragen zur Umsetzung. Für einen 87 Meter hohen Masten müsste etwa zwecks Fundament ein 17 mal 17 Meter großes Feld mit einer Tiefe von 26,5 Metern bereitstehen, rechnete ein Bürger vor. Der wollte auch wissen, was mit Landschaftsschutzgebieten sei. Laut Preuß habe Amprion Umweltverträglichkeitsstudien im Blick, und nach den Bauarbeiten müsse man die Umgebung wieder so verlassen, wie sie vorgefunden worden sei. Beispiel: Gefällte Bäume müssten wieder neu gepflanzt werden.

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