Amerikanerin auf den Spuren deutscher Geschichte

Doktorandin Dallas R. Scouton aus Amerika und Prof. Gerhard E. Sollbach aus Herdecke in der wetterschen Freiheit.
Doktorandin Dallas R. Scouton aus Amerika und Prof. Gerhard E. Sollbach aus Herdecke in der wetterschen Freiheit.
Foto: WP
Dallas R. Scouton schreibt einer Doktorarbeit über die Kinderlandverschickung im Dritten Reich. Der Herdecker Professor Dr. Gerhard Sollbach unterstützt sie dabei.

Herdecke/Wetter..  „Es gibt so schöne alte Gebäude hier. Und es ist schön, dass sie im Zweiten Weltkrieg nicht kaputt gegangen sind“, schwärmt die Amerikanerin Dallas R. Scouton. Ihre Heimat sei ja im Vergleich zu Deutschland ein sehr junges Land, sagt die Historikerin mit euner großen Vorliebe für deutsche Geschichte. Der alte Bahnhof in Wetter etwa hatte es der 31-Jährigen auf Anhieb angetan. Weil sie kürzlich dort ihren Zug verpasste, hatte sie genügend Zeit, sich das historische Gebäude ganz in Ruhe anzuschauen, Fotos zu machen – und es anzufassen. „I’m touching history“, sagt Dallas R. Scouton stets bei solchen Gelegenheiten. Geschichte anfassen - für die Doktorandin der Universität Florida eine besondere Art, der Vergangenheit zu begegnen.

Dabei beschäftigt sich die 31-Jährige ohnehin tagein tagaus mit Geschichte: Für ihre Doktorarbeit über die Kinderlandverschickung im Dritten Reich knüpfte sie vor zwei Jahren erstmals Kontakt zu Professor Dr. Gerhard E. Sollbach aus Herdecke, der als Pionier in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema gilt. Nach Forschungsarbeiten in München, Berlin und Freiburg kam sie schließlich zur TU Dortmund, wo auch Professor Sollbach lehrt. Das Interesse für deutsche Geschichte erklärt die Amerikanerin mit der eigenen Familiengeschichte: Ihre Ur-Ur-Großeltern mütterlicherseits hießen Bergmann und kamen aus Stettin. Was aber noch nicht die Frage beantwortet, wie eine junge Amerikanerin auf das Thema „Kinderlandverschickung“ kommt? Dallas R. Scouton: „Eines Tages werde ich selbst Kinder haben, und ich möchte verstehen, wie es passieren konnte, dass Kinder ihren Eltern weggenommen wurden.“ Niemand habe das bislang in den USA erforscht, und auch in Deutschland gebe es kaum Forschungen dazu.

Mit ihrer Doktorarbeit will Dallas R. Scouton nun ihre These untermauern, dass die Kinderlandverschickung im Dritten Reich keineswegs dazu diente, die Kinder vor dem Bombenkrieg zu schützen, sondern sie zu indoktrinieren. „Das System begann bei den Kindern. Sie wurden schon zu Soldaten erzogen“, ist die Amerikanerin überzeugt.

Ideologische Lehre war „effektiv“

In ihren Interviews mit Zeitzeugen aus Herdecke und Umgebung, die sie auch jetzt wieder führen konnte, habe sich gezeigt, dass die Betroffenen selbst gar nichts von einer Indoktrination bemerkt hätten. „Das zeigt, wie gut und effektiv Freizeitbeschäftigung und ideologische Lehre gemacht waren“, so die 31-Jährige. „Es gab lediglich einen Zeitzeugen, der auf Nachfrage gesagt hat, dass es sein könnte, dass er indoktriniert worden sei. Alle anderen haben das massiv und teilweise böse bestritten. Die fühlten sich persönlich angegriffen und wollen nicht als Nazis dastehen“, ergänzt Prof. Gerhard Sollbach.

Viele Betroffene behaupteten, so Dallas R. Scouton, das Hauptanliegen der Kinderlandverschickung sei gewesen, sie zu schützen. „Das muss man respektieren“, sagt die Amerikanerin. Sie weiß inzwischen, dass auch die Kinder der Zeitzeugen genau deren Deutung übernommen haben. „Auf diese Weise wird das immer weiter tradiert“, sagt Gerhard Sollbach, der davon überzeugt ist, dass die Veröffentlichung von Dallas R. Scouton für reichlich Wirbel sorgen wird.

Zahlreiche Originalunterlagen wie etwa detaillierte Tagespläne aus den Lagern, von Kindern und Lehrern gemachte Fotos und vieles mehr hat die Doktorandin in öffentlichen Archiven und auch bei Professor Sollbach gefunden und ausgewertet. „Dass ich solche Originale habe, das ist wie eine Goldmine“, weiß die Amerikanerin besonders die Unterstützung des Herdecker Professors zu schätzen. Denn schließlich liefern sie Beweise für ihre These. „In den Tagesplänen sind der politische Unterricht in den Lagern notiert, auch die Fahnenhissung mit Morgenspruch und die Morgenfeier“, so die Amerikanerin.

Nur kurze Rückkehr in die USA

Bis Mai 2016 will die Doktorandin ihre wissenschaftliche Arbeit abgeschlossen haben. Deswegen wird sie im März auch nur vorübergehend in die USA zurückkehren, wo ihre Forschung ebenfalls schon viel Beachtung fand. Bei den Sollbachs in Herdecke wird sie derweil ihr Hab und Gut deponieren, bis zum nächsten Forschungsaufenthalt in Dortmund. Und damit darf sie sich nicht mehr allzu lange Zeit lassen; denn weitere Zeugen der Vergangenheit muss Dallas R. Scouton möglichst schnell befragen, „bevor sie alle sterben“.

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