1500 Einwendungen sollen Verfahren bremsen

Eng wurde es Freitagabend bei der Veranstaltung zum Thema Höchstspannungsfreileitung, zu der die Bürgerinitiative Semberg eingeladen hatte.
Eng wurde es Freitagabend bei der Veranstaltung zum Thema Höchstspannungsfreileitung, zu der die Bürgerinitiative Semberg eingeladen hatte.
Foto: WP
Die Bürgerinitiative Semberg will nun 1500 Einwendungen von Bürgern gegen die von Amprion geplante Höchstspannungsleitung sammeln.

Herdecke..  Sie wollen keine 380-kv-Freileitung über dem Semberg und dem Schraberg. Das machten weit mehr als 200 Herdecker am Freitagabend bei einer Veranstaltung der Bürgerinitiative Semberg deutlich. „Mit so vielen Leuten haben wir gar nicht gerechnet“, war Vorstandsmitglied David Hatzky überrascht über die große Resonanz. Tatsächlich mussten immer mehr Stühle in den Saal des Martin-Luther-Gemeindehauses geschafft werden. Als es keinen Platz mehr für weitere Sitzmöbel gab, ließen sich die Bürger auf den Fensterbänken nieder oder blieben einfach stehen – auch vor dem Saal. Ziel der Veranstaltung war es, Bürger gegen die vom Netzbetreiber Amprion geplante Maßnahme zu mobilisieren. „Wir müssen zusammen stehen, alleine kommt keiner weiter“, so Hatzky weiter.

Um Herdecker Bürger mit Informationen rund um das Thema Höchstspannungsleitungen zu versorgen, hatte die BI Semberg den Mediziner Dr. Tycho Zuzak, den Leiter der onkologischen Abteilung für Kinder Ender Gemeinschaftskrankenhaus, sowie Rechtsanwältin Sabine Jochheim und Energieberaterin Anne Stamm eingeladen.

In Hagen Erfahrungen gesammelt

Beide Frauen waren bereits in der Bürgerinitiative „Menschen unter Strom“ in Hagen Garenfeld tätig. Dabei ging es darum, den Bau einer 380-kv-Umspannanlage zu verhindern. Ob sie Erfolg hatten, ist noch offen. „Wir haben viele Erfahrungen gesammelt, die wir jetzt weitergeben wollen“, erklärte Anne Stamm. Und so zeigte sie unter anderem auf, dass es bei der von einigen Herdeckern favorisierten Erdkabelverlegung viele Probleme gebe. So müsste dafür ein 30 bis 40 Meter breiter Streifen für die Trasse zur Verfügung gestellt werden. Das sei aber aufgrund der Häuseranordnung nicht möglich. Ein Bürger meldete sich zu Wort und erklärte ebenfalls „Erdkabel fallen weg“, denn dafür müsste an verschiedenen Stellen eine Umwandlung von Hoch- auf Erdkabel beziehungsweise von Erdkabel auf Freileitung stattfinden.

Auf der Suche nach Alternativen – etwa den Verlauf der Höchstspannungsleitung entlang der Autobahn – warf ein anderer Bürger die Frage auf, weshalb vorhandene Bergbauschächte nicht für die Kabelverlegung genutzt werden können. „Solche Fragen und Anregungen müssen sie in eine Einwendung packen“, erklärte ihm Anne Stamm. Bis zum 10. September müssten die Einwendungen postalisch in Arnsberg eingegangen sein, motivierte die Energieberaterin die Anwesenden zum schnellen Handeln. Wichtig sei es, die persönliche Situation in der Einwendung zu schildern, und auf diese Weise so viele Bedenken wie möglich aufzulisten. Denn: „Wenn alle das Gleiche schreiben, ist es einfach, das abzubügeln.“

Rechtsanwältin Sabine Jochheim ging unter anderem auf die ihrer Ansicht nach zu späte Veröffentlichung des Vorhabens ein. Seit 2013 sei Amprion dazu verpflichtet, vor Antragstellung über die Maßnahme zu informieren. Das sei in Herdecke nicht passiert: „Das Problem ist, dass das Gesetz keine Sanktionen für diesen Fall festgelegt hat.“

Um die Frage der gesundheitlichen Auswirkungen ging es schließlich bei Dr. Tycho Zuzak. Zwar sei er kein Experte auf diesem Gebiet, dennoch wollte er seine persönliche Einschätzung abgeben. Als Vater dreier Kinder wollte er nicht in der Nähe einer Trasse leben. In Deutschland sei bislang noch nicht bewiesen, dass das Krebsrisiko bei Menschen, die an einer Hochspannungstrasse wohnen, höher sei, als das anderer Menschen. Laut Zuzak brächten aber elektromagnetische Strahlen das Gleichgewicht im Körper durcheinander: „Es tut den Menschen nicht gut.“

Mehrere Bürger warfen schließlich die Frage in den Raum, wie groß die Chance überhaupt sei, das Vorhaben noch aufzuhalten. „Es sieht im Augenblick nicht gut aus“, gab Rechtsanwältin Jochheim zu. Aber wer nichts tue, könne auch nichts erreichen. Wichtig sei es, Zeit zu gewinnen.

1500 Einwendungen

Deswegen will die BI Semberg nun mit einem sogenannten Blitz-Aufruf bis zum 10. September 1500 Einwendungen besonders betroffener Bürgerinnen und Bürger sammeln und nach Arnsberg schicken. „Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln, steht die Freileitung in 2018. Wenn wir aber mindestens 1500 Einwendungen von betroffenen Bürgern bekommen, wird das Verfahren wegen fehlender Akzeptanz zumindest gebremst“, so der Vorsitzende der BI Semberg, Hartmut Ahlborn.

Auch alle Parteien und die Stadtverwaltung in Person der Bürgermeisterin will die Bürgerinitiative so schnell wie möglich mit ins Boot holen und hatte diese bereits Samstag informiert. „Alle haben zugestimmt. Es fehlt lediglich noch das Ok der Bürgermeisterin und der Jamaika-Koalition“, so Hartmut Ahlborn in einer gestrigen Mail, und ergänzte, dass dies wohl dem Wochenende geschuldet sei. Peter Gerigk von den Grünen reagierte prompt: Er habe den Blitz-Aufruf an seinen Fraktionsvorsitzenden und Ortsvorsitzenden weiter geleitet, um sie zu informieren. „In der Sache sind wir uns sicher einig“, so Gerigk weiter. Eine Entscheidung falle heute um 11 Uhr in einer Fraktionssitzung.

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