Wo Bierbrauen noch Handwerk ist

Foto: Gerd Hermann / WAZ FotoPool
Foto: Gerd Hermann / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool / Gerd Hermann
Bei Walter Bräu in Büderich schmeckt auch dasselbe Bier nicht immer gleich. Und genau das ist eines der Erfolgsrezepte der Privatbrauerei.

Büderich.. Zur Eröffnung vor fünf Jahren bekam Walter Hüsges von seiner Frau eine Figurengruppe aus Keramik geschenkt. Die zeigt vier Mönche, die in lustiger Runde ihr frisch gebrautes Bier verköstigen. Das Geschenk steht heute auf einem Glasschrank aus den 1950er-Jahren im Gastraum von „Walter Bräu“ im Weseler Ortsteil Büderich. „Früher, als die Mönche gebraut haben, war das Bierbrauen noch eine Kunst. Heute ist es eine Industrie geworden. Aber bei uns ist das Bierbrauen noch Handwerk“, sagt Walter Hüsges.

Bevor sich der heute 61-jährige Diplom-Braumeister 2007 selbstständig machte, hatte er schon einige Brauereien kennen gelernt: große und kleinere. 2005, die Rente stand fast vor der Tür, wollte er ein bisschen herumexperimentieren und begann, sein eigenes Bier zu kreieren: für sich und seine Freunde, im Keller zu Hause in Wesel. Seinen Beruf zum Hobby zu machen – das war Hüsges Plan. Heute muss man sagen: fehlgeschlagen. Denn weil immer mehr Leute sein Bier trinken wollten, wurde der Keller zu klein. Also zog Hüsges nach Büderich zu seiner Frau, machte sich nach 42 Jahren Berufsjahren selbstständig und eröffnete seine eigene Haubrauerei.

In deren Eingangstür steht Hüsges junger Kollege Christian Möllenbeck und sagt zur Begrüßung: „Herzlich willkommen in Wesels größter Brauerei!“ Das ist einerseits die Wahrheit: „Walter Bräu“ die einzige Brauerei in Wesel ist. Andererseits ist es aber auch ein Scherz. Denn die Braustube, in die der 24-Jährige bittet ist gerade einmal 20 Quadratmeter groß.

Die Wände sind weiß gekachelt, rechts steht die Sudanlage, daneben der Läuterbottich und die metallenen Gärgefäße. Die Abfüllanlage an der Wand gegenüber ist eine Spezialanfertigung: Ein Freund von Hüsges hat sie auf einer Drehbank von 1908 gemacht. Drei der braunen Bügelflaschen kann sie gleichzeitig befüllen. Niedlich wirkt das im Vergleich zu den großen Brauereien, in deren Abfüllanlagen im Sekundentakt Tausende Flaschen vorbeirattern. Aber gerade das sei eines der Erfolgsrezepte von „Walter Bräu“, sagt Möllenbeck: „Die Leute suchen beim Bier wieder das Besondere. Sie wollen etwas anderes als den Einheitsbrei. Und das finden sie bei uns.“

Das stimmt. Denn die sieben Sorten, die „Walter Bräu“ dauerhaft im Angebot hat, sind alles – nur nicht gewöhnlich. Die neueste Kreation, der „Weseler Brückenschlag“, beispielsweise ist ein feinherbes Helles und schmeckt herrlich erfrischend. Eher kräftig kommt das naturtrübe „Hildegard Bier“ daher, das zu 70 Prozent aus Dinkel besteht.

Für solche handgemachten Spezialitäten seien die Kunden auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen, erzählt Möllenbeck: 3,50 Euro kostet der Liter im Hausverkauf. Die jährliche Ausschlagmenge der Brauerei hat sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt: 2008 waren es noch 88 Hektoliter, im vergangenen Jahr schon 175.

Schwappt da etwa eine Retrowelle durchs bierliebende Land? Ist die Zeit der anonymen Großbrauereien vorbei? Will der Biertrinker in der globalisierten Welt sein lokales Feierabendbier trinken? Der Trend, dass die Biertrinker verstärkt den regionalen Bezug suchten, sei unverkennbar, sagt Möllenbeck. Und das obwohl – oder gerade weil – auch dasselbe Bier bei „Walter Bräu“ nicht immer gleich schmeckt. „Das Bier von euch ist immer gut. Und manchmal ist es genial“, habe ein Kunde gesagt.

Der direkte Kontakt zu den Kunden mache die Arbeit in der Hausbrauerei spannend. Wenn sein Braumeister und er eine neue Kreation ausprobieren, fragen die Beiden die Stammkunden schon mal nach ihrer Meinung. Für das Dinkelbier brauchte es fünf Versuche, bis die meisten sagten: „Schmeckt!“

Die Kunden kommen vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Oder sind auf einem der niederrheinischen Bauernmärkte, die das Brauer-Duo regelmäßig ansteuert, auf „Walter Bräu“ aufmerksam geworden. Neben dem Hausverkauf gibt’s das Bier auch in zwei benachbarten Supermärkten zu kaufen. Und sogar im Ruhrgebiet hat „Walter Bräu“ sich einen Namen gemacht – im Bochumer Bergbaumuseum wird das „Barbara Bier“ serviert. Die Heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute.

Das Bier ist aber nur die eine Seite. Die andere ist das besondere Ambiente - draußen im Biergarten mit seinem großen Nußbaum und gackernden Hühnern. Im Sommer kehren hier viele Radfahrer zur niederrheinischen Brotzeit ein. Aber nach guter bayerischer Sitte können sich die Gäste auch ihre eigene Verpflegung mitbringen. Drinnen im gemütlichen Ess- und Kaminzimmer können sie durch eine Glasscheibe in die Braustube schauen und den Brauern bei der Arbeit zuschauen. In jeder Ecke stehen hier Kreuze und Nippes: Puppenwagen, alte Stühle, Tische mit Spitzendecken, ein großes rotes Plüschsofa. In den Regalen ist eine Sammlung von 1000 verschiedenen Biergläsern aufgebaut - eine Dauerleihgabe eines Niederländers. Aber den Ehrenplatz im Gastraum – den hat die Figurengruppe mit den trinkenden Mönchen.


Infos: Sieben Biere hat „Walter Bräu“ dauerhaft im Angebot. Das neueste ist der „Weseler Brückenschlag, das Bier, das verbindet“ – ein feinherbes Helles, das anlässlich der Einweihung der neuen Rheinbrücke entstanden ist. Daneben gibt’s das würzige Rotbier, das klassische Landbier, das kräftige Klosterbräu, das Hildegard Bier (besteht zu 70 Prozent aus Dinkel und zu 30 Prozent aus Gerste), das Barbara Bier sowie das Gindericher Pilgerbräu. In der Saison erhältlich sind Maibock, Weizen und Winterbock.
Öffnungszeiten, Preise und Infos zu Braukursen gibt es unter Tel. 02803/1597 oder unter www.walterbrau.de.

 
 

EURE FAVORITEN