Weseler Fotograf York Hovest über seine Reise nach Amazonien

Fotograf York Hovest hat sein zweites Buch „Hundert Tage Amazonien“ bei der NRZ vorgestellt.
Fotograf York Hovest hat sein zweites Buch „Hundert Tage Amazonien“ bei der NRZ vorgestellt.
Foto: FUNKE Foto Services
  • York Hovest landete zwei Mal schwer krank im Tropeninstitut
  • Aber davon ließ sich der Weseler nicht abhalten, sein Projekt durchzuziehen
  • Seine erste Liebe aber fand er nicht in Amazonien wieder, sondern über Facebook

Wesel.. Der aus Wesel stammende Fotograf York Hovest hat sein zweites Buch geschrieben. Die Grundidee ist die gleiche, wie bei seinem Tibet-Werk: 100 Tage. Nur, dass es diesmal ans andere Ende der Welt ging: In den Regenwald. „100 Tage Amazonien – Meine Reise zu den Hütern des Waldes“ erzählt eine abenteuerliche Reise in prägnanten Texten und prächtigen Bildern.

Los geht es mit der Liebe. Als York mit seinen Eltern 1993 nach Venezuela reist, verliebt er sich in die 14-jährige Eva. „Das Mädchen hat mir den Regenwald gezeigt“, erinnert er sich gerne an seine erste Liebe, die auf dramatische Weise endet, als der Urlaub zu Ende geht.

Abholzungen hinterlassen Wunden

Zeitsprung: York Hovest plant sein zweites Buchprojekt. Sein Ziel ist es, Eva zu finden und herauszufinden, wie die indigenen Völker im Regenwald heute leben, welche Traditionen sie haben. Ein Jahr recherchiert der Weseler, der nun mit Frau und Sohn in München lebt, über die Indigenen, schaut sich auf Google-Earth die Satellitenaufnahmen an, erforscht den Regenwald von oben. Schon da ist klar, die Abholzungen hinterlassen tiefe und weitflächige Wunden im Amazonasgebiet. „So groß wie Deutschland, England und Frankreich zusammen“, schätzt Hovest. Per Satellit macht er Orte aus, wo die Indigenen leben.

Erstes Ziel sind die Matsés in Peru. Geschätzt leben noch 1700 Menschen im Grenzgebiet zu Brasilien zwischen den Flüssen Javari, Galvez,Yaquerana und Rio Blanco. Hilfsgüter hat der 38-Jährige dabei, Medikamente gegen Malaria, Hepatitis B. Die Matsés leben so weit weg von der Zivilisation, dass Hovest ohne Ortskundige keine Chance hat, zu ihnen zu gelangen. Es ist eine Expedition ins Ungewisse. Neun Tage braucht er, um ans Ziel zu kommen, zerstochen von Mücken und vollkommen verschwitzt. „Der Dschungel schreit einen nachts an“, erzählt er von der langen Fahrt mit dem Kanu.

Er isst, was die Einheimischen auch essen: Fisch, Manjok, Kochbanane, Papaya. Den Menschen im Dorf kommt Hovest vor, wie ein Zauberer. „Eine Frau hat begeistert 100 Mal meinen Reißverschluss auf- und zugezogen. Man realisiert, dass man selbst in solchen Situationen der Fremdkörper ist“, beschreibt der Fotograf seine Zeit im Dorf. Sein Ziel ist es, die Menschen so autark wie möglich zu zeigen. Deshalb nimmt Hovest bewusst an allen Zeremonien teil, wenn die Bewohner ihn lassen. Auch wenn es weh tut. Wie bei dem Begrüßungsritual, bei dem ein Matsé dem Weseler mit einem Blasrohr Rauch aus einer Tabak-Kräuter-Pfeffer-Mischung ins Nasenloch bläst. Eine halbe Stunde habe er danach geschluchzt, erzählt Hovest.

Brasilien, Venezuela und ein Weihnachtsfest auf der Toilette

Abgeschreckt hat ihn die Erfahrung nicht. Deshalb lässt er sich auch ein Loch in den Arm brennen, in das ein Spucke-Froschgiftgemisch geschmiert wird. Nach einer Spontan-Entleerung aus allen Körperöffnungen sind alle Sinne geschärft. Dann geht es los auf die nächtliche Jagd mit Pfeil und Bogen. Die Matsés bewegen sich lautlos durch den Regenwald. York Hovest trotz Froschgift-Mischung eher nicht: „Ich hab mich wie ein Trampel bewegt.“ Auf der Rückreise fängt er sich das seltene Chikungunya-Virus ein, muss sich im Tropeninstitut in München behandeln lassen.

Die zweite Reise seines Projektes führt ihn nach Brasilien, durch riesige Soja-Felder, die nach der Abrodung des Regenwalds entstehen und den Lebensraum der indigenen Völker immer mehr schrumpfen lassen. Auch große Staudammprojekte, Gold- und Diamantenabbau bedrohen die Indigenen massiv. Bei den Xinguanos misst er sich mit Champion Mehinako im Huka Huka, einer Art Ringkampf. Er verliert, hat aber eine schöne Zeit im Familienverbund und lernt ein wenig die Heilkunde kennen: „Die Leute haben gegen alles ein Heilmittel.“

Die erste Liebe sucht Hovest in Venezuela, genauer gesagt in El Pauji. Dort wo er einst Eva traf, die ihm den Regenwald näher brachte, herrscht nun die Jagd nach Gold. Das Paradies ist verloren. Auch Eva lebt nicht mehr dort, sondern ist auf die kanarischen Inseln ausgewandert, erinnern sich ältere Bewohner. Auch das zweite Ziel in Venezuela, die Yanomami, scheinen unerreichbar. Das Gebiet wird von FARC-Rebellen aus Kolumbien kontrolliert, auch das Militär möchte dort keine Besucher sehen.

Notlüge: Die Kunst des Tätowierens

Niemand will dort freiwillig hin. Bis auf Tätowierer Leandro, den Hovest kennen gelernt hat. Sie denken sich eine Geschichte aus: Der Weseler schreibt kein Buch über indigene Völker, sondern Leandro will die Kunst des Tätowierens bei den Yanomami studieren. Der Plan geht auf, an den Militärstationen kommen sie mit Bestechungen. Nach Wochen finden sie einen Piloten, der sie unter dem Radar in die Nähe der Yanomami absetzt und am Folgetag wieder abholt. Lautstark machen sich die Reisenden auf durch den Dschungel, um den Dorfbewohnern anzukündigen, dass sie in friedlicher Absicht kommen.

„Ich weiß nicht, ob dort schon vor mir Weiße waren“, rätselt der Fotograf bis heute. Ob sie freundlich empfangen werden? Gastgeschenke haben sie dabei. „Das war der aufregendste Moment im meinem Leben“, erinnert sich der 38-Jährige. Die Kontaktaufnahme klappt. Sie werden willkommen geheißen und übernachten im Dorf.

Am Tag der Abreise nach Deutschland zerlegt es ihn komplett. Er war leichtsinnig geworden, hatte Wasser aus einem Bach getrunken. Anstatt Weihnachten bei der Familie zu verbringen, landete er im Tropeninstitut in Hamburg mit jeder Menge Parasiten im Darm und Maden im Fuß: „Ich habe einen Monat auf dem Klo gesessen.“ Langsam erholte er sich wieder. Dagegen war die letzte Reise zu den Shuar in Ecuador schon fast langweilig. Dort versucht die Münchenerin Mascha Kaukaus die Bevölkerung behutsam an die moderne Zeit zu gewöhnen, ohne die alten Sitten und Traditionen zu verlieren. York: „Das ist Urlaub gewesen.“

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