Vor 100 Jahren in Wesel: Die Mobilmachung

Diese Fotos sind um die 100 Jahre alt. Sie stammen von der Weselerin Margarete Beenen, die sie Stadtarchivar  Dr. Martin Wilhelm Roelen zur Verfügung stellte.
Diese Fotos sind um die 100 Jahre alt. Sie stammen von der Weselerin Margarete Beenen, die sie Stadtarchivar Dr. Martin Wilhelm Roelen zur Verfügung stellte.
Foto: WAZ FotoPool
Der Beginn des 1. Weltkriegs in Wesel: Am 2. August 1914 wurde die Stadt von Soldaten und Freiwilligen regelrecht überrollt. Einen Blick zurück macht auch Manfred Brodde. Er erinnert am Samstag mit seiner Ehefrau Pen auf dem Großen Markt an die Ereignisse.

Wesel..  Soldaten prägten fast immer das Bild in der Kreisstadt. Die Zitadelle zeugt heute noch davon, die ehemaligen Gebäude der Reitzen­stein-Kaserne an der Friedenstraße ebenfalls und natürlich die Schill-Kaserne, in der das 1st Nato Signal Bataillon Wesel untergebracht ist. Wesel hatte einst noch einige Kasernen mehr, was dazu führte, dass die Stadt zu Beginn des 1. Weltkriegs nahezu von Soldaten überrollt wurde.

Auch Erich Leyens meldete sich

Am 2. August vor 100 Jahren erreichte der Krieg den Niederrhein, es war der erste Mobilmachungstag. Reservisten mussten sich melden, wurden in den Regimentern eingekleidet, sagt Stadtarchivar Dr. Martin Wilhelm Roelen. Am 5., 6. August sei es mit der Eisenbahn an die Front gegangen. Roelen hat zusammen mit anderen ein Buch über das 56er Infanterieregiment, das in Wesel stationiert und bei allen Schlachten dabei war, geschrieben. Es wird bald vorgestellt und dokumentiert, dass von den ursprünglich 3500 Soldaten 4500 gefallen sind - das Regiment wurde immer wieder komplettiert.

In wenigen Wochen seien 300 000 Menschen durch die Stadt geschleust worden, eine Zahl, die kaum zu bewältigen war. Schulen blieben geschlossen, es gab die so genannten Kriegsferien, damit die Soldaten eine vorübergehende Bleibe in den Gebäuden fanden. Es ging sogar soweit, dass in Wesel keine Freiwilligen mehr angenommen wurden, weil der Ansturm nicht mehr gepackt werden konnte. Vom ganzen Niederrhein, aber auch aus dem westlichen Ruhrgebiet und dem westlichen Westfalen kamen die Männer. Die Stadt war ständig überfüllt. Aus der Kindermilchan­stalt am Schlachthof, An der Rampe, wurde eine Militärküche.

Auch Erich Leyens, jüdischer Bürger, nach dem der Leyens-Platz in der Fußgängerzone benannt ist, zog mit dem Cleveschen Feldartillerie-Regiment Nr. 43 der Clever-Tor-Kaserne als Freiwilliger in den Krieg. Sie stand dort, wo heute die Real- und die Martinischule zu finden sind. Der Eingang befand sich an der Fluthgrafstraße.

Während der Kämpfe an der Westfront lagen die Weseler Regimenter nah beisammen, weiß Roelen, so dass immer wieder via Feldpost Neuigkeiten in die Heimatstadt gelangten - von Gefallenen, von Überlebenden, die verwundet waren. Letztere wurden in so genannten Hilfslazaretten versorgt, die wiederum in Schulen ihren Platz fanden.

Manfred Brodde aus Brakel reist am Wochenende extra an und schlüpft in die Hauptmannsuniform des Cleveschen Feldartillerie-Regiments Nr. 43. Es gehörte zu den beschleunigt zu mobilisierenden Truppen. „Bereits am Abend des 2. August verließ die II. Abteilung mit verkleinerten Batterien Wesel und fuhr mit der Bahn gen Westen“, schreibt Brodde, der am Samstag, 2. August, um 11.30 Uhr zusammen mit seiner Ehefrau Pen vor der historischen Rathausfassade am Großen Markt zu finden sein wird. Von dort geht es zum Rathaus, zum Dom und zum Berliner Tor.

Ein original Säbel

Brodde kommt gerne nach Wesel. Er gehört zwar keiner Vereinigung an, die aus Spaß an der Freude in solche Rollen schlüpfen, sei aber für seine Auftritte bekannt, wie er selbst sagt. Seit seinem 14. Lebensjahr besitzt er einen Säbel der 43er, längst ist er Waffennarr und sammelt Antiquitäten. Bilder, Pfeifen, Tassen und vieles mehr hat er von dem Weseler Regiment. Wesel kennt der 66-Jährige im Übrigen gut, weil sein Boot im Yachthafen liegt und er in der Gegend arbeitet. „Wir wollen die Zeit nicht zurückdrehen“, sagt Manfred Brodde, „aber an diese Zeit erinnern.“

Übrigens: Bis zur Auflösung gab es in besagtem Regiment keinen einzigen Fall von Befehlsverweigerung, Auflehnung gegen Vorgesetzte oder Disziplinlosigkeit. Darauf macht Brodde aufmerksam.

 
 

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