„Unsere Türen stehen für alle offen“

Petra Kuiper

Schermbeck.  Als der Rekener Heinrich Brinkmann vor einem Jahr als Geschäftsführer in Schermbeck begann, hat er sich alle möglichen Szenarien ausgemalt. Ein neuer Job, und dann noch als Chef eines frischgegründeten Unternehmens – da ist einfach alles drin. Mit einem derartigen Senkrechtstart jedoch hat er im Traum nicht gerechnet. Heute geben sich die Menschen im Ladenlokal an der Mittelstraße die Klinke in die Hand, längst hat sich „Gagu – gemeinsam leben“ als festes Standbein der Gagu-Zwergenhilfe zum weithin anerkannten Hilfsangebot entwickelt.

Bis zu 70 Familien werden heute betreut, dazu kommen die Aufgaben der Schulsozialarbeit und der Flüchtlingshilfe. Mit 18 Mitarbeitern ist Brinkmann im vergangenen August gestartet. Heute sind 42 Helfer mit dabei, Heilpädagogen, Erzieher, Integrationshelfer, Familienpfleger und Psychologen, darunter auch solche, die Sprachen wie Arabisch oder Albanisch beherrschen. Auch am Montagvormittag ging es in den hellen Büroräumen hoch her. Ein rundes Jahr Betriebsbestehen muss gefeiert werden. Es gab eine Geburtstagstorte und belegte Brötchen – Freunde, Nachbarn und Weggefährten schauten herein, um ein Geschenk zu bringen, einen Kaffee mit dem Team zu trinken und ihm weiter viel Erfolg zu wünschen. Darunter auch Friedhelm Koch, Wirtschaftsförderer der Gemeinde. Er gratuliere von Herzen, sagte er. Ein besonderes Lob zollte er der guten Netzwerkarbeit mit anderen Einrichtungen wie der Caritas und dem Jugendzentrum You. Kurzum: „Ein wunderbares Projekt.“

Ein Jahr Arbeit sei ein guter Anlass, innezuhalten und zu reflektieren, sagte Heinrich Brinkmann: „Man muss sich mal vor Augen führen, was in dem einen Jahr mit uns passiert ist.“ Er dankte allen Schermbeckern einschließlich des „immer ansprechbaren“ Bürgermeisters und zog dann mit seinem neuen Stellvertreter Thomas Jendrusch eine kurze Bilanz. Seit einem Jahr hat der Verein Gagu-Zwergenhilfe jetzt eine feste Anlaufstelle für die Kinder- und Jugendhilfe. Neben zwei betreuten Wohnprojekten für junge Syrer und junge Afghanen kümmert sich Brinkmanns Team aktuell allein in Schermbeck um zwölf Familien, ist außerdem mit Betreuern in den Schulen präsent. Neben Wesel zählen Jugendämter in Dorsten, Marl, Duisburg und Oer Erkenschwick zu den Partnern, außerdem der RVR. Das Einzugsgebiet reicht rein räumlich von Dortmund bis Xanten, führt Brinkmann aus: „Das erfordert Mobilität und Flexibilität.“

Alles gute Gründe, zu expandieren und die Angebote weiter auszubauen. Neue Räume wurden angemietet – demnächst soll an der Mittelstraße 9 eine weitere Niederlassung entstehen. In einem aktuell leer stehenden Ladenlokal eröffnet „Gagu - gemeinsam leben“ ein Begegnungs- und Schulungszentrum. Hier wird künftig der Deutschunterricht für junge Flüchtlinge stattfinden, außerdem Weiterbildungsangbote, Vorträge und Kurse für Mitarbeiter, aber auch für Eltern. Brinkmann schaut also optimistisch in die Zukunft. Ihn erfüllt der Job ohnehin mit großer Zufriedenheit. „Wir versuchen nach wie vor jeden Fall so zu bearbeiten, als ob es unser einziger wäre“, sagt er. Und: „Unsere Türen stehen für alle offen.“ Das Stichwort für einen jungen Mann aus Syrien, der zufällig ins Geschäft kommt. Er sucht jemanden, der ihn zur Post begleitet, weil er ein Päckchen erwartet. Brinkmann lächelt ihn freundlich an: „Kein Problem, ich gehe mit. Passt es dir in einer halben Stunde?“