Nicht mehr nur zusehen

Susanne Zimmermann
Viktor Fertig (19) macht bei Byk eine Ausbildung zum Lacklaboranten.
Viktor Fertig (19) macht bei Byk eine Ausbildung zum Lacklaboranten.
Foto: WAZ FotoPool

Wesel. Geschafft - die NRZ hat sich mit fünf jungen Erwachsenen unterhalten, die eine Lehrstelle haben und jetzt ganz am Anfang ihrer Berufskarriere stehen.

„Phuwa“ ist 17 und wird in dem Traumberuf vieler Jungs ausgebildet: Er hat seine Lehre als Kfz-Mechatroniker im Autohaus Cramer-Schmitz angetreten. Eigentlich heißt der sympathische Vietnamese Phuwanart Pornphithaknukul - sollen sie ihn gern Phuwa rufen.

„Ich kann jetzt selbstständig arbeiten, darf nicht mehr nur zusehen“, sagt er über seine ersten Tage. Mit elf Jahren kam er nach Deutschland, ohne Sprachkenntnisse. Doch Phuwa ist intelligent, auf der Hauptschule Martini machte er einen Abschluss mit guten Noten. Er spricht perfekt Deutsch.

Zwei Wochen reichen

Weder ihn, noch seine Lehrherren konnte es überraschen, dass die Chemie stimmt: Der 17-Jährige hat ein dreiwöchiges Praktikum im Betrieb absolviert, danach sein Jahrespraktikum. Einmal pro Woche war er in der Werkstatt. Man kennt sich. Meister Martin Kamps sagt dazu: „Bei uns hat es keinen Azubi gegeben, der vorher nicht Praktikant war. Ich muss den Menschen sehen.“ Zwei Wochen seien gut, um sich ein Bild zu machen. Was zählt? „Pünktlichkeit. Wenn das schon im Praktikum nicht klappt...“ Und Interesse. „Das sieht man, wenn sie fast am Gesellen kleben.“ Gute Noten gehören auch dazu - besonders in Mathe und Physik. Doch der Meister nennt sie erst an dritter Stelle. Auch Ärztin Dr. Hildegard Petrias spricht kaum über Noten: „Sie müssen offen für die Nöte der Patienten sein, sich einfühlen können“, nennt sie eine Eigenschaft, die angehende Arzthelferinnen mitbringen müssen. Teamfähigkeit wie Robustheit gehören dazu, „sie sollten Blut sehen können“. Annika Tenbergen (21) hat all dies. Nach der Gesamtschule am Lauerhaas absolvierte sie das Placida-Haus in Xanten, ein Berufskolleg. Nach der Lehre möchte die junge Weselerin gern in der Psychiatrie arbeiten, Menschen betreuen. Nach einem Tag Probearbeit und einem Praktikum gehört sie nun zum Team.

Für Dr. Petrias sind die Anschreiben der Bewerbungen wichtiger als die Zeugnisse. „Wenn mich jemand mit ‘Sehr geehrter Herr Dr.’ anschreibt, hat das keinen Sinn...“ Ein wenig Bemühen müsse erkennbar sein.

Eine gründliche Orientierung hat Lucas Ketz (18) hinter sich. Nach der Fachoberschulreife mit Qualifikation am Andreas-Vesalius-Gymnasium (AVG) nahm er sich ein Jahr Zeit, absolvierte Praktika in acht Berufen. Nun ist er der neue Azubi bei Hörgeräte Horst in der Apollopassage. „Endlich ein Junge“, sagt sein Chef Hans-Peter Horst. Einer, der gern handwerklich arbeitet - das muss er, denn Horst hat eine Werkstatt. Und einer, der den Kundenkontakt mag. Offenbar mögen die meist älteren Menschen den jungen Mann auch. „Sie sind sehr offen und freundlich“, sagt der. Lucas wird demnächst die Berufsschule besuchen - und die für Hörgeräteakustiker sitzt in Lübeck. Schafft er gute Noten, zahlt der Chef die Unterkunft. Lucas ist zuversichtlich.

Kristina Maibom und Viktor Fertich (beide 19) haben nach dem Abi einen der begehrten Ausbildungsplätze bei Byk-Chemie angetreten. Viktor wird Lacklaborant, Kristina Chemielaborantin.

Beide bewegen sich nach einem Monat schon vertraut in der Welt der Labore. Viktor hat ein Praktikum absolviert. „Das ist ein echter Vorteil“, sagt er. Es gab ihm die Chance, sich den Beruf anzusehen und Kontakte zu knüpfen. Auch Kollegin Kristina, die auf dem AVG ihr Abitur gemacht hat, wählte diesen Weg. Zunächst absolvierte sie in der neunten Klasse ihr Schulpraktikum bei Byk, hängte später noch ein weiteres in den Ferien dran. Es hat sich gelohnt. Was wird, wenn die Lehre geschafft ist? „Vielleicht ein Studium“, sagt Viktor. Ganz genau wissen das beide noch nicht.

800 Bewerber für elf Stellen

Sie schwören auf den Kontakt zum Unternehmen, lange bevor es wirklich an die Ausbildung geht. Und das Unternehmen? Elf Lehrstellen wurden in diesem Jahr besetzt, mehr als 800 Bewerber gab es darauf. Worauf kommt es an? „Ein gesundes Selbstvertrauen ist wichtig“, erläutert Christine Rumpf, Leiterin der Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung. „Und Teamfähigkeit.“

Beides bringen Viktor und Kristina mit - so waren sie dabei, als die neuen Byk-Auszubildenden gemeinsam in der Kantine gekocht haben. Auch wenn die Soße mit der „ekeligen Krabbenpaste“ daneben ging - der Start ist jedenfalls gelungen.