Immer mehr steigen aufs Rad um

Von Erwin Kohl
Radler und Fußgänger sind eine in Wesel wachsende Gruppe.
Radler und Fußgänger sind eine in Wesel wachsende Gruppe.
Foto: WAZ FotoPool

Wesel.  Das Thema Radverkehr hat in Wesel immer schon eine große Rolle gespielt. 1995 wurde die Hansestadt in den Kreis der fahrradfreundlichen Städte aufgenommen.

Mittlerweile ist fast jeder dritte Verkehrsteilnehmer in der Innenstadt mit dem Fahrrad unterwegs - „und diese Erhebung wurde in den Wintermonaten durchgeführt“, werte Michael Blaess, Fahrradbeauftragter der Kreisstadt, das Resultat noch auf. „Unser Ziel ist es, den Anteil von Fußgängern und Radfahrern auf 60 Prozent auszubauen“, sagte er im Rahmen einer Mitgliederversammlung der SPD im Kaiserhof.

„Neue Wege für Wesel – Nahmobilitätsförderung mit System“ lautete das Thema einer Diskussionsrunde, zu der auch interessierte Bürger eingeladen waren. In seinem einstündigen Referat sah Michael Blaess Positives wie etwa die jüngste Eröffnung der Römer-Lippe-Route, die Erstellung von Kinderfahrradstadtplänen oder die gute Resonanz auf die Radstation am Bahnhof. Er gab vor allem Anregungen für die Zukunft.

Ohne Auto in die Innenstadt

Dass der Nahmobilität, sprich dem Fußgänger- und Radverkehr bei der Stadtentwicklung künftig besondere Aufmerksamkeit zuteil werden sollte, macht ein aktueller Trend deutlich: Fahren derzeit 900 000 Pedelecs (motorunterstützte Fahrräder) über Deutschlands Radwege, wird künftig pro Jahr rund eine halbe Million hinzukommen. Des Weiteren wird das gesteigerte Desinteresse der nachfolgenden Generation am eigenen Auto das Innenstadt-Bild verändern. Bereits heute verzichten elf Prozent der 18- bis 24-jährigen Männer und zehn Prozent der Frauen auf den Pkw - Tendenz steigend. Für Stadtplaner eine Steilvorlage, die Attraktivität für diese Verkehrsteilnehmer weiter zu steigern. Mindestens vier Meter breite Radschnellstraßen, ausreichend Lade- und Servicestationen schlägt Blaess vor.

Ein weiterer Vorschlag klingt ungewöhnlich, wurde in der Schweiz und Österreich aber erfolgreich umgesetzt: „Man könnte darüber nachdenken, bestimmte Straßen zu Schulbeginn und Schulschluss für den Autoverkehr zu sperren“, so ­Blaess.

Ein weiterer wichtiger Schritt für Radfahrer ist die Abschaffung der Radwege-Nutzungspflicht. „Dieser Passus wurde schon 1997 von der Landesregierung aus der Straßenverkehrsordnung gestrichen. Nur wo ein blaues Radschild steht, muss der Radfahrer den Radweg nutzen, ansonsten darf er frei entscheiden, ob er auf der Straße fährt oder auf dem Fahrradweg.“ In Wesel hat man damit begonnen, diese Schilder zu entfernen. Lediglich an besonders verkehrsunsicheren Punkten soll die Pflicht zur Radwege-Nutzung bestehen bleiben.

Kontroverse Debatte

Die Meinungen zur planerischen Unterstützung der Nahmobilität gingen in der anschließenden Diskussion auseinander. „Was passiert, wenn Politiker was Gutes tun, sieht man am Beispiel Fischertorstraße. Dort weiß niemand mehr, wo er laufen oder fahren soll“, meinte Willi Trippe. Seine Parteigenossin Ulla Hornemann wies auf die Vorreiterrolle Wesels hin: „Als wir früher als erste Stadt bundesweit einen Strich auf die Straße gezogen und gesagt haben: Hier fahren jetzt die Radfahrer, sind wir dafür von allen Seiten gescholten worden. Heute macht das jede Kommune.“