Grundeln erobern den Kanal

Wirkliche Freude haben Jürgen Gatz (links) und Wolfgang Rosen derzeit nicht an ihrem Sport: Außer Grundeln gibt es kaum noch Fische im Wesel-Datteln-Kanal.
Wirkliche Freude haben Jürgen Gatz (links) und Wolfgang Rosen derzeit nicht an ihrem Sport: Außer Grundeln gibt es kaum noch Fische im Wesel-Datteln-Kanal.
Foto: WAZ FotoPool

Hünxe.  „Nee, das macht keinen Spaß mehr...“ Wolfgang Rosen ist sauer. Seit seinem zwölften Lebensjahr angelt der 72-Jährige. Sein bevorzugtes Revier ist der Wesel-Datteln-Kanal. Und dort gibt es nur noch Grundeln.

Barsche, Zander und Rotaugen - es gab hier viele. Nun ist alles anders. Angelkumpel Jürgen Gatz zeigt den Fang: Schwarzmaulgrundeln. Eigentlich ein hübscher Fisch, doch im Wesel-Datteln-Kanal hat er nichts zu suchen.

Kein Vergnügen

Die Grundeln sind aggressiv, beißen wie verrückt. „Seit zwei Jahren ist das hier so“, sagt Wolfgang Rosen. Für ihn sind die Fischchen kein Vergnügen, „man hat ja nix an der Rute, keinen Kampf“. Klar, man kann sie auch essen. Er hat sie mal geräuchert. „Es war nichts Besonderes und es ist eine Sauarbeit.“

Barsche und Zander gibt es auch kaum noch, hier am Kanal. „Die beißen nicht mehr. Die brauchen sich ja nicht anzustrengen“, sind sich Rosen und Gatz einig. Müssen sie ja auch nicht: Die seit 2008 am Niederrhein festgestellten Grundeln vermehren sich explosionsartig. Für die Raubfische ist der Tisch reichlich gedeckt - wer will die noch mit Mehlwürmern ködern?

Auch Rotaugen sind eine Seltenheit geworden in Rosens Revier am Welmer Weg. „Es ist schon schlimm mit den Grundeln“, sagt er. „Sie fressen den Laich und die Jungfische der anderen Arten.“ Zweimal pro Woche ist er meist am Kanal. „In diesem Jahr habe ich höchstens 30 Rotaugen geangelt, das ist kein Vergleich zu früher.“ Plötzlich ist sein Haken weg. „Glatt abgeschnitten“, sagt der erfahrene Angler und zeigt auf die Schnur. „Das war ein Holland-Krebs“, erklärt er. Auch so ein Einwanderer, der den Anglern das Leben schwer macht. Er nimmt nicht nur den Wurm, er holt sich alles. Oft schwimmt Rosen auch im Kanal, vor den Krebsen fürchtet er sich nicht. „Die tun mir nichts. Ich tu ihnen ja auch nichts.“

Was den Anglern bleibt, sind die Karpfen. Die werden in den Kanal eingesetzt. „Sie laichen hier nicht ab“, erläutern die Angler, „dazu ist das Wasser zu kalt. Sie brauchen mindestens 24 Grad.“ Doch um einen zu fangen, müsste der Mehlwurm mal eine Weile am Haken bleiben - zu viele gierige Grundeln verhindern das.

Was für Wolfgang Rosen und Jürgen Gatz ein Ärgernis ist, bereitet der Rheinfischereigenossenschaft große Sorgen. 2008 noch als Exoten beäugt, haben sich gleich mehrere Grundel-Arten explosionsartig im Rhein-System vermehrt. Es gibt kaum noch andere Fische. „Die Arten stammen aus den Flussmündungsgebieten und den Küstenregionen des Schwarzen und Kaspischen Meeres“, informiert die Genossenschaft.

Offene Fragen

Was sie mit dem Ökosystem anstellen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht, dass die kleinen ewig hungrigen Räuber die einheimischen Fischbestände gefährden. Als Speisefisch taugen sie kaum, geben aber gute Köderfische ab. Auch das könnte ein Problem sein: Wer lebende Grundeln aus dem Rhein mitnimmt und andernorts als Köder nutzt, handelt grob fahrlässig. Einmal entkommen, würden sie weitere Lebensräume erobern. Noch ist unklar, wie man dieser eingeschleppten Plage Herr werden soll.

Rosen und Gatz werden weiterangeln. Und hoffen. Irgendwann wird schon wieder einer anbeißen. Einer, mit dem man kämpfen kann.