Ein grüner Schatz

Wilhelm Schult auf dem Testfeld, das in den nächsten Tagen abgeerntet wird.
Wilhelm Schult auf dem Testfeld, das in den nächsten Tagen abgeerntet wird.
Foto: Heiko Kempken/WAZ FotoPool
Mais kann jeder. Aber wie sieht es mit Wildblumen als Futter für Biogasanlagen aus? Auf einem Feld in Gahlen werden artenfreundliche Alternativen für die landwirtschaftliche Monokultur getestet

Schermbeck..  Mais, Mais und noch mehr Mais. Wer bei einer Fahrt durch die Region einmal ganz bewusst darauf achtet, was auf den landwirtschaftlichen Feldern am Wegesrand so wächst, der sieht vor allem eins: die langstielige Grünpflanze mit den gelben Kolben, die mittlerweile hauptsächlich zur Energiegewinnung angebaut wird. Auch auf unserem Weg nach Schermbeck zum Treffen mit Wilhelm Schult bietet sich ein solches Bild: Ganz Gahlen ist von Mais besetzt. Ganz Gahlen? Nein, ein von unbeugsamen Gahlenern beackertes Feld soll Widerstand leisten. Asterix-Spaß beiseite, denn das Projekt „Grünschatz“, das drei Gahlener Jäger Hand in Hand mit Hans Rommeswinkel, Sachgebietsleiter Grünflächen der Stadt Dorsten und anderen Partnern im Rahmen der Regionale 2016 umsetzen, hat einen sehr ernsten Hintergrund.

„Die Zahl der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten wächst täglich“, nennt Hans Rommeswinkel, Initiator von „Grünschatz“, das wohl wichtigste Argument gegen eine Monokultur, wie sie hier zu Lande von den Bauern vor allem mit Mais praktiziert wird. Dass sich die Vielfalt der Insekten deutlich sichtbar verringert hat, erkennt jeder, der schon länger einen Führerschein besitzt. „Früher hatten Sie im Sommer die ganze Windschutzscheibe voller Insekten. Das habe ich hier schon lange nicht mehr erlebt“, sagt Wilhelm Schult.

Beifuß, Rainfarn, Kornblume

In Gummistiefeln steht der Gahlener Jäger und CDU-Mann auf dem Acker an der Bruchstraße. Erst am Horizont ist das nächste Maisfeld zu erkennen. Unmittelbar vor uns recken sich dagegen gelbe, orange und violette Blüten als Farbtupfer in den grauen Oktoberhimmel. Einige von ihnen sind mehr als mannshoch. Auf 5000 Quadratmetern in der Nähe des Museums „Olle ­Schuer“, die dem Heimatverein für seine Feldprojekte zu viel waren, hat Wilhelm Schult im Frühjahr gemeinsam mit den Kollegen Rainer Feldkamp und Jürgen Vogel das Saatgut für einen ungewöhnlichen Ackerbewuchs ausgebracht: Wildblumen.

23 heimische Pflanzenarten wie Beifuß, Rainfarn, Kornblume oder Steinklee sprießen seitdem aus der Erde an der Bruchstraße. Ein Standort, mit dem Wilhelm Schult übrigens sehr zufrieden ist, da die Menschen so vom Fahrrad oder Auto aus auch sehen, dass sich hier etwas Außergewöhnliches tut. „Wir haben uns überlegt, welche Pflanzen außer Mais ebenfalls als Biomasse taugen könnten“, erklärt Rommeswinkel den Hintergrund des Projekts. Der Versuch mit Wildblumen, der auch schon in Bayern praktiziert wird, könnte eine Lösung sein, Biogaserzeugung und Artenschutz miteinander zu verknüpfen. Nun soll belegt werden, dass diese Idee nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch tragfähig ist.

„Natürlich bringen die Wildblumen den Landwirten nicht den gleichen Ertrag wie Mais“, so Schult. „Aber man könnte sie auf Restflächen blühen lassen, die die Landwirte nicht nutzen.“ Oder sogar in Grünanlagen in Städten und Gemeinden, wie Hans Rommeswinkel ergänzt. „Da würden die Insekten vor Freude in die Hände klatschen.“

Und als hätte sie das gehört, kommt wie gerufen eine Wildbiene angeflogen, um sich am Nektar der violetten Blüte auf dem Gahlener Feld zu laben. „Sehen Sie, genau deshalb machen wir das“, sagt Wilhelm Schult und zeigt auf das pelzige Tierchen, kurz bevor es vor der Kamera des Fotografen flüchtet.

Mit einem Dutzend Testflächen von Gahlen bis Billerbeck wollen die Projektpartner, zu denen auch Landwirtschaftskammer und Wissenschaftler der Uni Münster gehören, bei der Vergabe der Fördergelder punkten. Dabei spielt der Acker in Gahlen eine besondere Rolle, denn hier wird nicht nur der Einsatz von Wildblumen für die Energiegewinnung in Biogasanlagen untersucht.

Die Jäger haben auf einem Drittel ihrer Fläche auch eine „Rehwildmischung“ wachsen lassen, die im Winter stehen bleiben soll, um den Tieren Unterschlupf zu bieten. Sie hatten sogar eine Kamera aufgehängt, die dokumentieren sollte, welche Arten den Weg zum neuen Blumenfeld finden. „Die Kamera wurde uns leider geklaut“, ärgert sich Wilhelm Schult.

Ein Unterschlupf für Wildtiere

Nur die Pflanzen für die Wildtiere bleiben stehen, der andere Teil des Feldes soll in den nächsten Tagen abgeerntet werden. Das übernimmt der Betreiber einer Biogasanlage, der untersuchen wird, wie ertragreich die Wildblumen sind. Und dann heißt es abwarten. Wie sich die Blumen, die sich fünf Jahre lang von selber vermehren, entwickeln, welche Tiere angelockt werden und vor allem, ob die Entscheider des Strukturförderprogramms Regionale 2016 vom Projekt „Grünschatz“ überzeugt sind. Für Wilhelm Schult und seine Gahlener Mitstreiter steht aber schon jetzt fest: „Wir ziehen das in jedem Fall durch.“

 
 

EURE FAVORITEN