Drumherum statt mittendurch

Die B8 in Wesel in Höhe Norbertstraße – hier schlängeln sich die Autos um die Kurve.
Die B8 in Wesel in Höhe Norbertstraße – hier schlängeln sich die Autos um die Kurve.
Foto: Funke Foto Services
Zwischen Esplanade und Norbertstraße hat der Hansaring eine auf den ersten Blick unsinnige Straßenführung. Doch es gibt einen durchaus nachvollziehbaren Grund für die Kurve der Bundesstraße 8.

Wesel..  Irgendwie blöd, dieser Knick im Hansaring. Zwischen Esplanade und Norbertstraße kommt die Kurve – wer plant sowas? Und warum? Wenn schon Ring, dann könnte man doch einen eleganten, weiten Bogen bauen?

Bernd von Blomberg, Historiker und Stadtführer, kennt den Grund: Es ist ja nicht so, dass Baumeister Hermann Josef Stübben eine freie Trasse zur Verfügung gehabt hätte, damals, 1890 als Bürgermeister Caspar Baur der Militärbürokratie die Festung und das Land drumherum abgekaufte. Endlich. Für 450 000 Mark – seinerzeit eine unfassbar hohe Summe, in Raten abzustottern innerhalb von 15 Jahren. Die Bundesstraße 8 führt heute direkt durch den Festungsgraben.

Es war eng geworden in Wesel. Die schöne mittelalterliche Stadt war seit 1680 in ein Korsett geschnürt, das ihr die Luft zum Atmen und Wachsen nahm. Seinerzeit stimmte der Kurfürst von Kleve zu, Wesel zur Festung auszubauen.

Monumentale Bauwerke entstanden, metertief in die fruchtbare niederrheinische Erde gerammt, gegen jeden Feind. Sollten sie doch kommen – Wesel war bereit.

1886 war die Stadtfestung wirtschaftlich lästig, militärisch unwichtig geworden. Kaiser Wilhelm I. unterschrieb, dass die Stadt nun entfestigt werden dürfe. Ein Befreiungsschlag, denn die ehemals so bedeutende Handelsmetropole des Mittelalters hatte ihre tragenden Säulen verloren. Aus Platznot.

Die Textilindustrie war nach Bocholt ausgewandert. Der Firma Bagel war es zu eng geworden, innerhalb der Weseler Festungsmauern, sie zog nach Düsseldorf. In der Stadt konnte nicht mehr gebaut werden.

Nicht nur, dass es eng war: Sämtlicher Verkehr quälte sich durch die engen Straßen – durch eines der zwölf Tore rein, durchs andere wieder raus. Bürgermeister Baur hatte dem ein Ende gesetzt, mit seinem kostspieligen Vertrag. Jetzt konnten die Festungsbollwerke eingeebnet werden. Nur über der Erde, die Fundamente standen weiter und zum Teil stehen sie bis heute.

Endlich Platz! Reiche Weseler Familien bauten ihre Villen außerhalb der ehemaligen Stadtmauern. Und im ehemaligen Festungsgraben konnte eine Umgehungsstraße entstehen.

Der „Stübben-Plan“ von 1891 zeigt die vom Kölner Stadtbaumeister erdachte Ringstraße: Hansaring, Grafen-, Herzogen-, Kurfürsten und Kaiserring. Ja, der Hansaring: Von 1933 an war er Teil der Reichsstraße Nummer 8 – heute B8 – die führte und führt noch von Elten bis nach Passau.

„Ich bin sie mal gefahren“, sagt Bernd von Blomberg, „das kann man heute auch noch“. Um Platz für sie zu schaffen, wurde ein Stück aus dem Magazin der Zitadelle gebrochen, im Rest des Gebäudes sitzt heute das Preußen-Museum. Für die Schillstraße musste auch ein Stück der ehedem geschlossenen Zitadelle weichen.

Auf diese Weise entstand die große Kreuzung. Warum? „Man musste ja über den Rhein kommen...“ Und das endlich, ohne durch die enge Stadt zu fahren. Es ging an ihr vorbei, nicht mehr mittendurch.

Ehemalige Festung

Und die Kurve an der Norbert­straße? Unpraktisch. Doch Hermann Josef Stübben, wusste als hoch dekorierter Kölner Stadtbaumeister: Er musste mit dem arbeiten, was er hatte: Eine Trasse im Graben um eine ehemalige Festung, die eben noch nicht ganz abgebaut war.

Die Kurve umrundet ein Stück davon. Drumherum ist eben einfacher als mittendurch.

Diese Bauwerke haben die Weseler gut 200 Jahre benötigt. Gebaut waren sie aber so solide, als seien sie für die Ewigkeit gedacht. Kurven wir also weiter auf dem Hansaring – immerhin wissen wir jetzt, warum...

 
 

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