Die stille Meisterin aus Wesel

Erna Suhrborg vor einem ihrer Bilder.
Erna Suhrborg vor einem ihrer Bilder.
Foto: Christoph Karl Banski
  • Erna Suhrborg (1910 - 1995) galt als hochbegabte Künstlerin. Jetzt trägt Wesels erster Kunstpreis ihren Namen
  • Heute ist eine Straße nach ihr benannt, 2010 widmete ihr die Stadt eine letzte große Retrospektive
  • Die Auszeichnung soll Frauen Mut machen, ihren Weg zu verfolgen - auch ohne Hochschulstudium

Wesel..  Wenn Hans Dieter Suhrborg an früher denkt, schildert er eine ‘normale’ Familie: Der Vater Kaufmann, die Mutter daheim, ihn und den jüngeren Bruder umsorgend. Dabei gab es für Erna Suhrborg immer eine zweite Existenz - die einer leidenschaftlichen Künstlerin. Bereits als junge Frau malte sie wunderschöne Landschaftsbilder und sah einer Karriere entgegen. Dann die Hochzeit, die Kinder, der Zweite Weltkrieg mit seinen Entbehrungen. Anfang der 50er Jahre fasste die inzwischen 40-Jährige den Entschluss, es nochmal zu probieren. Sie begann abstrakt zu malen, entwickelte ihren ganz eigenen, prägnanten Stil; ab 1954 war sie ständig bei den Winterausstellungen der Niederrheinischen Kunst und Künstlerfreunde vertreten. Trotzdem ist sie einem breiten Publikum heute unbekannt. Das will die Auszeichnung ändern, die Hans Dieter Suhrborg und seine Frau Gabriele in diesem Jahr erstmals mit der Stadt ausloben. Der Erna-Suhrborg-Kunstpreis versteht sich als Hommage an eine stille Meisterin, als Mutmacher für begabte Frauen.

Die Vergangenheit in Kisten

Erinnerungen. Gerade hat Gabriele Suhrborg wieder eine Kiste auf dem Speicher ausgeräumt. Ein Ausflug in die Vergangenheit. Sie fand Skizzen der Schwiegermutter, Druckplatten, Zeitungsartikel, alte Fotografien: Erna Suhrborg mit ihren Söhnen - aber auch als Künstlerin vor ihren Gemälden; eine schmale, ernste Frau, die sich vor der Kamera nicht besonders wohl zu fühlen scheint. In Wesel stellte sie 1954 zum ersten Mal aus. 2010 widmete die Stadt der inzwischen verstorbenen Malerin eine letzte große Retrospektive.

Erna Suhrborg kam 1910 in Uerdingen zur Welt, als zweites von sieben Kindern. Als der Vater nach Holland versetzt wurde, zog die Familie um. Erna ging in Amsterdam zur Schule. Im Rijksmuseum verliebte sie sich in die alten Meister, Rembrandt und Frans Hals zählten bis zuletzt zu ihren Lieblingskünstlern. Erna ließ sich zur Lehrerin für Kunstgewerbe ausbilden. Als sie den Landschaftsmaler Jan Damme traf, begann ein neuer Lebensabschnitt. Sie nahm bei ihm Unterricht. Später wurde auch George Stahl ihr Lehrer. Durch ihn, einen Meister der Moderne, lernte sie Picasso kennen, Braque und Chagall.

In Holland traf die 20-jährige Erna auch ihren Mann, in einem Kanuclub in Rotterdam. 1937 heirateten die beiden. Das Paar ging nach Deutschland, wo die Familie Suhrborg eine Kiesbaggerei betrieb. Heute würde man von einem Karriereknick sprechen: Erna Suhrborg ist in Holland bekannter als in ihrer Heimat Deutschland. Kurz nach der Hochzeit entstand ihr vorerst letztes Bild, eine Landschaft am Niederrhein. Die junge Familie lebte in Duisburg, dann Bislich. Als die Bomben des Zweiten Weltkriegs alles zerstörten, musste sie fliehen. 1953 gab es wieder ein Haus in Flüren. Das Ende der Nachkriegszeit.

Ein Neubeginn in Flüren

Und der Beginn einer neuen Schaffensphase. Erna Suhrborg malte wieder, ihre Arbeiten wurden zusehends wilder, abstrakter. Der Durchbruch kam 1964 mit einer Ausstellung auf Schloss Ringenberg - Gastauftritte in Deutschland und Holland schlossen sich an. Erna Suhrborg führte nun das Leben einer Künstlerin. Man lobte ihre außergewöhnliche Begabung, ihre knappen, präzisen Tuschestriche, die späteren Farbfelder, die sich ineinander schieben, verdrängen, überlagen. In den 80er Jahren entstanden wuchtige Kompositionen aus Oberfläche, Form und Farbe. Zum 70. Geburtstag der Künstlerin zeigte Wesel ihr Gesamtwerk und kaufte erste Bilder. Der Niederrheinische Kunstverein ernannte sie zum Ehrenmitglied. Zum 80. widmete ihr Xanten eine letzte große Schau. Als Erna Suhrborg 1995 starb, hinterließ sie einen beachtlichen Fundus. Viele Gemälde befinden sich heute im Privatbesitz, fünf gehören der Stadt. Vor einigen Jahren wurde in Wesel eine Straße nach ihr benannt, die Erna-Suhrborg-Stege. Das war’s dann mit der Ehre. Ruhe kehrte ein.

Hans Dieter Suhrborg ist inzwischen weit über 70. Wenn er zurückdenkt an seine Jugend, fallen ihm die vielen Ausflüge seiner Mutter zum Rhein ein, die Staffelei oder ihr Skizzenbuch hatte sie dabei: „Sie malte so gern in der Natur.“ Erna Suhrborg liebte vor allem das Meer. „Die einzige Stelle, an der ich in die Unendlichkeit gucken kann“, sagte sie einmal. Hans Dieter Suhrborg kommt aber auch der Freigeist in den Sinn, der in seiner Familie herrschte. Der Geruch nach Öl und Farbe. Die vielen Bilder an den Wänden. Und der Freundeskreis der Kreativen, zu dem etwa der Maler Artur Buschmann zählte.

Bitte keine Popularität!

Die Initiative zur Auslobung des Kunstpreises, betont er, kommt von seiner Frau. Gabriele Suhrborg ist ebenfalls Künstlerin. Sie weiß noch, wie aufgeregt sie war, als sie die große Erna Suhrborg endlich kennen lernen durfte. In den 80ern war das. Sie begegnete einer liebenswürdigen Frau, die auf ihre stille, bescheidene Art dennoch mühelos einen Raum ausfüllte. Ihrer Popularität hatte ihre Zurückhaltung stets im Wege gestanden, wissen ihre Kinder: Das Licht der Öffentlichkeit war ihr unangenehm, die sogenannte Kulturszene mied sie nach Kräften. Wichtige Kontakte konnte oder wollte sie nicht knüpfen. 1994 zeigten die Frauen eine Gemeinschaftsausstellung im Wasserturm. Für Gabriele ein Ritterschlag. Von nun an standen ihr alle Türen offen.

Der Auftritt habe ihr sehr geholfen, sagt sie. Obwohl Frauen heute auf dem Kunstmarkt weit bessere Chancen haben als in den braven 50ern, ist es immer noch schwer, sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Außerdem stehen sich viele Frauen selbst im Weg. Sie stapeln zu tief und glauben nicht an sich und ihre Fähigkeiten. Das war bei Erna Suhrborg nicht anders. „Ich hätte damals nicht daran gedacht, dass ich mit anderen Malerinnen und Malern konkurrieren könnte“, zog eine bereits hochbetagte Künstlerin in einem Interview Bilanz. „Hätte ich daran gedacht, wer weiß, vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen.“

Der Erna-Suhrborg-Preis ist mit 1000 Euro dotiert und wird ausschließlich an Künstlerinnen im Kreis Wesel verliehen, die nicht an einer Hochschule Kunst studiert haben. Er soll künftig im Drei-Jahres-Rhythmus vergeben werden

Bewerbungen sind bis 30. November an die Stadt Wesel zu richten. Alle Infos: www.wesel.de

 
 

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