Die Stadt lehnt kaum ein Erbe ab

Eine silberne Taufschale, aus dem Jahr 1859 von Silberschmied Hermann-Wilhelm Hink aus dem Nachlass
Eine silberne Taufschale, aus dem Jahr 1859 von Silberschmied Hermann-Wilhelm Hink aus dem Nachlass
Foto: WAZ FotoPool

Wesel..  Was vererben Menschen ihrer Stadt - und warum tun sie das? In erster Linie sind es Schriftstücke - und Kunstgegenstände. „Ich glaube, es ist die Furcht, dass die Nachkommen die Dinge nicht wertschätzen“, meint Jürgen Becks, Kulturbeauftragter der Stadt und Hüter dieser Schätze.

Mit der Wertschätzung ist das so eine Sache. „Aus rein finanzieller Sicht ist das eher eine Belastung“, meint Stadtkämmerer Paul-Georg Fritz, „es kommt ungeplant etwas herein, um das wir uns kümmern müssen.“ Dennoch habe man bis heute kaum eine Erbschaft abgelehnt. Sie sei ja auch eine Ehre, sagt der Kämmerer. Selbst wenn mitunter eine Restaurierung fällig wird - die Gegenstände sind nicht immer in bester Verfassung. Kunstfan Jürgen Becks ist dennoch vorbehaltlos Feuer und Flamme.

Keine Ähnlichkeiten mit Napoleon

Jüngstes Stück seiner Sammlung: Eine gerahmte Ehrenurkunde. Herr Jean Jacques Busch aus der Familie der Lackhauser Buschs vom Isselmannshof ist 1819 in Straßburg vom französischen König Louis als Offizier der Ehrenlegion ausgezeichnet worden. Er hatte sich als Bataillonschef der Artillerie verdient gemacht. Das Papier mit den verschnörkelten Buchstaben ist in Ehren gehalten worden. Und es ist echt, davon ist Becks überzeugt. Zu diesem Nachlass gehört auch eine kleine, stockfleckige Zeichnung. „Sie soll Napoleon darstellen“, schmunzelt Becks - irgendwelche Ähnlichkeiten ließen sich bislang nicht feststellen. Egal. Auch das wird noch ans Tageslicht kommen.

Erbschaften haben immer mit Familien- und Stadtgeschichte zu tun. Und genau die interessiert den Kulturbeauftragten brennend. Da gibt es die beiden Aquarellportraits zweier Töchter Leopold Jahns, einem der elf auf Befehl Napoleons in Wesel hingerichteten Schillschen Offiziere aus einem Nachlass. „Es ist nicht viel von diesen Offizieren erhalten“, sagt Becks. Daher sind die Bilder - sie gingen ursprünglich ans Stadtarchiv - etwas Besonderes. „Das Stadtarchiv bekommt die Flachware“, erläutert Becks - also Blätter wie die Ehrenurkunde. Das Museum übernimmt alles andere, die Bilder beispielsweise.

Auch eine Erbschaft - und ein ganz besonderer Leckerbissen: Die Fotos Hermann-Josef Brandts, die Wesel vor 1945 zeigen. Besonders deshalb, weil viele Fotografien aus dieser Zeit während der Bombenangriffe verbrannt sind, mitsamt ihrer Motive. Oder die zum Teil sehr ungewöhnlichen Bilder Ferdinand Fleischmanns, ehemaliger Lehrer der Weseler Pergamentschule. 1978 ist er verstorben, 1997 erhielt die Stadt Gemälde, Hunderte Zeichnungen und Aquarelle. „Besonders skurril sind seine Arbeiten aus der Zeit vor 1933. So hat er später nicht mehr gemalt“, sagt Becks.

Der Stempel des Handwerkers

Neben den Bildern - echten wie unechten - haben es Becks die Silberwaren angetan. Beispielsweise die aus dem Nachlass Dr. Hans Tienes, Unternehmer und Mäzen. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts trug Silber ein Beschauzeichen, ein Wardeinzeichen, die Jahreszahl und den Stempel des Meisters. Diese Zeichen erlauben eine Zuordnung zur jeweiligen Stadt, zum Silberschmied, zum Jahr und zum Prüfer. Anders als heute - die Kennzahl gibt nur noch Auskunft über den Edelmetallgehalt. Becher, Kerzenständer und Taufschale im Städtischen Museum aus dem Nachlass Tienes lassen sich genau bis zum Weseler Silberschmied verfolgen.

Was tut eine Stadt mit all diesen Bildern, Dokumenten und Silberwaren? „Wir erfassen und erforschen sie, stellen sie aus und bewahren sie. Jedes Museum der Welt zeigt nur zwei Prozent seines Bestandes, der Rest ist im Magazin.“ In Wesel ist das nicht anders. Bewahren und erhalten, darum geht es - den Menschen, die ihrer Stadt etwas vererben. Und der Stadt selbst, die kaum ein Erbe ablehnt.

 
 

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