Der Weseler Architekt der Versöhnung

Umrahmt von Bürgermeisterin Ulrike Westkamp und Ehefrau Kati: Günter Faßbender (84) trägt sich am Vormittag ins Goldene Buch der Stadt Wesel ein.
Umrahmt von Bürgermeisterin Ulrike Westkamp und Ehefrau Kati: Günter Faßbender (84) trägt sich am Vormittag ins Goldene Buch der Stadt Wesel ein.
Foto: Waz FotoPool
Günter Faßbender war bis 1990 Weseler Stadtdirektor. Danach, aber auch schon zuvor widmete er sich vor allem ehrenamtlichen Dingen. Zum Beispiel der Gründung des Jüdisch-Christlichen Freundeskreises. Dafür erhielt er kürzlich das Bundesverdienstkreuz.

Wesel..  Nein, ein begeisterter Ordensträger sei er nicht. Und so hatte Günter Faßbender insgeheim gehofft, „dass nur ein paar Männekens vom Jüdisch-Christlichen Freundeskreis im Ratssaal auftauchen“. Es waren einige Menschen mehr, die am Montagvormittag dem ehemaligen Weseler Stadtdirektor die Ehre erwiesen, nachdem ihm bereits am Nikolaustag das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse in Düsseldorf verliehen worden war (wir berichteten).

Bürgermeisterin Ulrike Westkamp hatte Faßbender mit seiner Frau Kati zum Empfang eingeladen. Bevor sich die beiden, aber auch die Gäste ins Goldene Buch der Stadt eintrugen, würdigte sie Faßbenders Wirken für Wesel. Da ist zum einen seine berufliche Karriere als Stadtdirektor, zum anderen sein ehrenamtliches Engagement. Von September 1978 bis September 1990 lenkte Faßbender die Geschicke der Kreisstadt im Rathaus. Um einen kleinen Einblick in seine Arbeit zu geben, erinnerte Westkamp an ein Ereignis pro Jahr.

Jahr für Jahr - von 1978 bis 1990

Im Dezember 1978 wird das Berufsschulzentrum in der Feldmark eingeweiht. Knapp ein Jahr später kauft die Stadt vom Kreis drei Gebäude (Kreishaus, Fluthgrafstraße und Herzogenring 20) für mehr als drei Millionen D-Mark. Im Sommer 1980 füllen sich erstmals die Schmutzwasserbecken im neuen Klärwerk, 1981 wird im Rathausinnenhof die Plastik „Die Hand“ aufgestellt. 1982 werden Wesel und Krefeld als erste Städte ans Niederrheinnetz im Kommunalen Rechenzentrum Moers angeschlossen. Im Mai 1983 öffnet das Heimatmuseum Bislich, im Herbst 1984 die Dudel-Passage. 1985 wird das Seniorenzentrum „Im Bogen“ eingeweiht, 1986 die neue Feuer- und Rettungswache. Im Oktober 1987 geht der Kornmarkt in Betrieb, nachdem er komplett umgestaltet wurde. 1988 entscheidet sich der Rat gegen die historische Häuserzeile am Großen Markt. Ein Jahr danach beginnt das Pilotprojekt der integrativen Klasse an der Mühlenweg-Schule, und 1990 beziehen 250 Aussiedler das umgebaute ehemalige Kreishaus am Ring.

Jüdisch-Christlicher Freundeskreis

Maßgeblich für die Ehrung Faßbenders sind allerdings seine Ehrenämter, vor allem das als Begründer des Jüdisch-Christlichen Freundeskreises Wesel. 1988, 50 Jahre nach dem Pogrom, lud die Stadt ehemalige jüdische Mitbürger ein, von denen 16 kamen. Es entwickelten sich viele persönliche Kontakte und Freundschaften. Erst kürzlich schickte der Weselaner Ernest Kolman Faßbender einen Korb mit Apfelsinen. „Der Jüdisch-Christliche Freundeskreis ist Wegbereiter und Motor für diese Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit. Dafür danke ich Ihnen“, sagte Westkamp.

Der heute 84-Jährige selbst erinnerte an die erste Ohrfeige seiner Mutter, als er während des Hitler-Regimes in Mönchengladbach über einen Menschen mit dem Davidstern gelacht hatte. Er habe damals nicht gewusst, was er bedeutet, und sei erst von seiner Mutter darüber aufgeklärt worden. In Wesel forschte er nach, wie das Verhältnis zwischen Christen und Juden war - woraus der Freundeskreis entstand. Er habe den Orden „ja nur für unsere gemeinsame Arbeit bekommen.“ Anschließend bezeichnete Freundeskreis-Vorsitzender Wolfgang Jung Faßbender als Architekten der Versöhnung, dem es immer um die Würde des Menschen gehe.

 
 

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