Der Traum vom Fliegen

Blick aus dem Cockpit auf den Hünxer Wald: Blitzschnell zieht die Landschaft in 500 Metern Höhe an Tim Wiechert und seinem Fluggast vorbei. Das Achterbahngefühl in Bauch und Kopf gibt’s inklusive.
Blick aus dem Cockpit auf den Hünxer Wald: Blitzschnell zieht die Landschaft in 500 Metern Höhe an Tim Wiechert und seinem Fluggast vorbei. Das Achterbahngefühl in Bauch und Kopf gibt’s inklusive.
Foto: Hanna Lohmann
Mit dem Frühjahr tauchen über Hünxe die Segelflieger auf. Ein Ortsbesuch räumt mit drei Vorurteilen auf

Hünxe.. „Die Menschen sollten viel mehr fliegen”, findet Tim Wiechert. „Viel mehr” ist relativ gesprochen, denn zum Auftakt der Saison am Flughafen Schwarze Heide hat der 25-jährige Oberhausener bereits den 844. Start in sein Flugbuch eingetragen. In den kommenden Monaten wird man ihn und die anderen Segler vom Verkehrslandeplatz Schwarze Heide (so die offizielle Bezeichnung des Platzes, der von der Stadt Bottrop, der Gemeinde Hünxe, der Stadt Dinslaken, der Stadt Voerde und dem Kreis Wesel betrieben wird) wieder lautlos kreisen sehen. Zeit, um mit drei Irrtümern aufzuräumen.

Von Wind und Wetter

Am Osterwochenende war für viele Mitglieder der insgesamt vier Vereine der erste Flugtag des Jahres. Erst jetzt im Frühling stimmt der Aufwind, der durch Sonneneinstrahlung auf den Boden entsteht. Diese sogenannte Thermik benötigen die Hobbyflieger, um in der Luft zu bleiben, schließlich haben ihre Gefährte keine Motoren. Manchmal werden die Hobbyflieger bei der Landung gefragt: „Na, kein Wind mehr gehabt?” – Das ist Quatsch, denn Wind macht den Flug vielleicht ein bisschen ruppiger, hat aber auf die warme, aufsteigende Luft keinen Einfluss. Das ist eher eine Frage der Tageszeit.

Ab etwa 18 Uhr steigt zu dieser Jahreszeit keine warme Luft mehr und die Piloten können nicht mehr mit dem typischen Kreisen an Höhe gewinnen. Da hilft kurzfristig nur ein Trick, verrät Fluglehrer Tim: „Das Kraftwerk in Voerde. Da steigt permanent warme Luft auf und das hilft uns an Höhe zu gewinnen.” Auch an klaren, sonnigen Tagen stellen Passanten oft fest, dass es ja wohl ein toller Tag fürs Fliegen sei. Für die Aussicht mag das stimmen, für die Thermik sind Cumuluswolken von Vorteil. Für den Laien: „Unter Schäfchenwolken sitzt immer warme Luft.”

Fliegen ist kein Kinderspiel

Keine Motoren, Segeln und Aufwinde – das klingt nach entspannten Gleiten über den Niederrhein. Dutzende Fotos im Internet zeigen Tim, wie er total entspannt im Cockpit der Duo Discus sitzt. Scheint vergleichbar mit einer Fahrt im Heißluftballon – und sicher eine prima Gelegenheit zum Fotografieren. Das Mitfliegen ist nach kurzer Absprache möglich, schließlich suchen die Vereine auch immer Nachwuchs. Kurzum kündigt Tim seinen Kollegen, die auf einem umgebauten Planwagen den Funkdienst übernehmen an, dass er einen „Gastflieger“ mitnehme.

Anfangs erinnert der Start an eine wilde Achterbahnfahrt mit einer beeindruckenden Aussicht. Begleitet von einem lauten Geräusch klinkt Tim das Stahlseil aus, das die Maschine mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h in die Luft gezogen hat und zu Boden fällt. Und dann ist tatsächlich Stille über den Wolken und die Freiheit grenzenlos. Das Achterbahngefühl bleibt jedoch, und Menschen und ihre Mägen sind unterschiedlich. Während Tim noch nie Probleme beim Fliegen hatte weiß er, dass es einigen Kollegen anders geht. „Wir haben Tüten mit an Bord. Manche Piloten brauchen die auch nach Jahren noch.” Das gilt auch für NRZ-Journalisten, und so endet Tims 844. Flug bereits nach acht Minuten.

Kein teures Hobby für Einzelgänger

Ein Flugzeug vom Typ wie Tim es fliegt, kostet neu rund 160 000 Euro. Eine Menge Geld, besonders für Schüler und Studenten. Zwar fliegen einige Vereinsmitglieder „auf Schwarze Heide“ auch mit Privatflugzeugen, die meisten aber nutzen die Vereinsflugzeuge. So ist das etwas außergewöhnliche Hobby nicht teurer als die Mitgliedschaft in einem Sportverein. „Wer Fußball spielt oder reitet, muss schließlich auch in seine Ausrüstung investieren”, findet Tim und fährt fort: „Das Fliegen ist nicht so kostspielig wie es klingt.”

Dabei betont er auch, dass es nicht nur um das tatsächliche Fliegen geht. Tüftelei (besonders im Winter) an den Geräten und das Aneignen von umfassenden theoretischem Wissen über das Wetter und die Thermik gehören genauso dazu. Wenn Tim mit Freunden zelten geht, kann er Gewitter oft besser als der Wetterdienst voraussagen, denn über die Jahre hat er gelernt, wann die warme, aufsteigende Luft sich entlädt. Die Fliegerei ist vielseitiger als Segeln und Technik. Schließlich muss auch immer jemand den Funkdienst übernehmen, mit einem Trecker das Stahlseil zum Starten zu den Flugzeugen ziehen und im Notfall Flieger und Piloten wieder einsammeln, denn nicht immer findet die Landung dort statt, wo der Vogel in die Luft gegangen ist. Tim ist auf seine Vereinskollegen vom Fliegerclub Gladbeck und Kirchhellen angewiesen – ohne Teamplay funktioniert nichts.

Das gilt natürlich auch bei den Flugstunden. Einen seiner drei Starts an diesem Samstag führt er mit Florian Barczewski durch. Der hat seinen Segelflugschein zwar schon länger in der Tasche, alle zwei Jahre muss er aber einen Checkflug mit Lehrer durchführen und so benötigt er noch eine Bescheinigung über den Start mit dieser Maschine. Tim sitzt hinter dem 24-Jährigen und beobachtet jeden Handgriff genau.

Für ihn ist das wichtigste, Ruhe zu bewahren. „Ist ein Lehrer gestresst, überträgt sich das immer auf den Schüler. Das kann beim Fliegen fatal sein.” Bei Florian gibt es jedoch keinen Anlass zur Sorge. Sicher landet er nach einigen Minuten wieder auf Hünxer Boden und Tim bescheinigt sein Können, bevor sie gemeinsam ihren Flieger auf die Anhängerkupplung hieven, ein Hilfsrad unter den Flügeln anbringen und die Maschine zurück zum Hangar bringen. Auch am schönsten Frühlingstag gibt es irgendwann keine Thermik mehr.

 
 

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