Der Orgel-Flüsterer

Wesel..  Im Willibrordi-Dom piept es. Statt pompöser Orgelmusik pfeift das monströse Musikinstrument im wahrsten Sinne des Wortes aus dem letzten Loch. Schuld daran ist Halfdan Oussoren – zum Glück, denn der 48-Jährige ist von Beruf Stimmer. Alle zwei Jahre schaut er im Weseler Dom nach dem Rechten und bringt die Pfeifen wieder in ihre korrekte Stimmlage.

Seit Montag spielt sich der Mitarbeiter der dänischen Orgelbau-Firma Marcussen durch die exakt 4675 Pfeifen. Muss er auch, denn der 2000/2001 errichteten Orgel machen die ständig wechselnden Temperaturen zu schaffen. „Die Orgel verstimmt ganz langsam, denn das Material, also Holz und Metall, arbeiten ständig“, erklärt Halfdan Oussoren, der bereits zum fünften Mal nach Wesel gereist ist.

Eine Woche, noch bis zum 23. Mai, hat er für die Wartungsarbeiten angesetzt. So lange ist der Dom für Besucher geschlossen. Denn der Fachmann braucht Ruhe, um die Verstimmungen genau raushören zu können. Dafür muss er alle Pfeifen einzeln durchchecken, mehrmals. Ist eine der großen oder kleinen Metallröhren im Inneren verstimmt, steht für Oussoren Millimeterarbeit an: Zum Beispiel mit sogenannten Stimmhörnern – ein stabförmiges Spezialwerkzeug, mit dem der Stimmer eine offene Pfeife entweder verlängert oder verkürzt. „Manchmal kommt es bei meiner Arbeit nur auf hundertstel Millimeter an“, erzählt Oussoren. Auf sein Gehör müsse er sich deshalb hundertprozentig verlassen können.

Der Zustand der Willibrordi-Orgel sei jedoch im Großen und Ganzen gut. Kleinere Arbeiten, auch zur Pflege und Instandsetzung, fielen natürlich an. Manchmal können Pfeifen aber auch einfach nur verstopft sein, weiß Oussoren. In einer anderen Orgel hat der Fachmann mal eine Maus gefunden – dahinter klemmte außerdem eine Katze.

In Wesel käme sowas jedoch nicht vor, beruhigt Kantor Ansgar Schlei. Höchstens dicke Fliegen, Motten oder Wespen verirren sich mal in die zahlreichen Metallpfeifen und sorgen für kleinere Übel. Dass so eine Orgel auch Arbeit bedeutet, war dem Kantor natürlich klar. „Aber wir wollen ja auch kein digitales Instrument im Dom stehen haben.“

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