„Der Mensch braucht eine Heimat“

Ein Leben ohne Zirkus? Das geht gar nicht für Max und Katharina Renz und Neffe Sven Renz. Foto: Markus Joosten
Ein Leben ohne Zirkus? Das geht gar nicht für Max und Katharina Renz und Neffe Sven Renz. Foto: Markus Joosten
Foto: WAZ FotoPool
Seit 25 Jahren Winterquartier in Wesel: „Circus Max Renz“ gibt derzeit ein Gastspiel. Von Höhen und Tiefen eines kleinen Familien-Zirkus, der vor 28 Jahren mit drei Wage startete.

Wesel.. „Der Mensch braucht eine Heimat.“ Diesen Satz sagt ausgerechnet eine Frau, die in Lübben im Spreewald geboren wurde, weil das Familienunternehmen vor 59 Jahren gerade in der Niederlausitz gastierte. Eine Frau, die sieben Monate im Jahr alle 14 Tage in einem anderen Ort arbeitet. Eine Frau, die sich nicht vorstellen kann, auf Dauer in einem Haus zu wohnen. „Da würde uns nichts halten“, sagt Katharina Renz. Aber mit einem Stückchen Zuhause verbindet sie sehr wohl das Winterquartier des „Circus Max Renz“ an der Friedenstraße. Seit 25 Jahren macht der Unterhaltungs-Betrieb dort jeweils von November bis März Pause. Zurzeit gibt er ein Gastspiel an der Schermbecker Landstraße. Dass er sich schon so lange auf dem Markt hält, ist alles andere als Klamauk, sondern harte Arbeit. Von Höhen und Tiefen eines kleinen Familien-Zirkus.

„Wesel ist in Ordnung, die Behörden kennen uns“

Katharina Renz wird in einer Zirkus-Familie geboren, deren Wurzeln bis zu Gauklern und Künstlern im 17. Jahrhundert zurückreichen. Verheiratet ist sie mit Max Renz (59), der die Renz-Familie in der neunten Generation verkörpert. Katharina Renz’ Großeltern stammen aus Niederschlesien. Die Enkelin ist vier Jahre alt, als ihre Familie 1961 vor dem Mauerbau Berlin verlässt. Die erste Station ist München und irgendwann „sind wir in Saarn in Mülheim an der Ruhr hängengeblieben“.

Los geht es im „Circus Max Renz“ vor 28 Jahren mit drei Wagen. Als sich dann bei den fahrenden Leuten eine kleine Sehnsucht nach Heimat bemerkbar macht, kommt der Anruf der Deutschen Bahn gerade recht: Ein Platz zur Pacht für den Winter in Wesel wird frei, dem der Circus Renz bis heute treu geblieben ist. Er gastierte ja schon in früheren Jahren in Flüren und Bislich. Die zwei jüngsten der sechs Kinder von Max und Katharina Renz sind in der Hansestadt im Marien-Hospital geboren, „hier kennen uns die Behörden und die Zusammenarbeit mit den Ämtern klappt wunderbar“. Klingt alles ideal, und trotzdem sorgt sich Katharina Renz. Gerade in Wesel, wo das Unternehmen ja ein Stück weit sesshaft ist, „haben wir erwartet, dass mehr Gäste kommen“.

Acht Wohnwagen und etwa zehn Pack- und Gerätewagen stehen derzeit auf der Fläche schräg gegenüber des Evangelischen Krankenhauses. Hier wohnen 16 Zirkus-Mitarbeiter, alles Familienangehörige, sowie Hunde, Ziegen, Lamas, Esel, Pferde, Ponys und ein Kamel. Ob Zwei- oder Vierbeiner - alle Mäuler wollen gestopft, alle Rechnungen bezahlt werden. Wenn dann viele der 200 Plätze im Zirkus-Rund leer bleiben, ist es schwer, über die Runden zu kommen. „Seit der Euro da ist, bleibt nichts mehr in der Tasche“, sagt Katharina Renz, junge Oma von 13 Enkeln, von denen acht im Zirkus arbeiten. „Bei den Menschen sitzt das Geld nicht mehr so locker.“

Während sich Renz bis vor rund sieben Jahren ausschließlich in NRW tummelte, geht’s nun auch in die Eifel, nach Ostfriesland, Hessen und ins Saarland. Es gebe immer mehr Zirkus, aber weniger Plätze, so Katharina Renz. NRW sei beliebt wegen der „Schule für Circuskinder“ der Evangelischen Kirche im Rheinland.

„Mir soll keiner erzählen, dass Kinder nicht in den Zirkus wollen“

Gastspiele bei Stadtfesten und Ferienspielen sowie Buchungen durch Schulen fallen weg „und Eltern geben kein Geld mehr für den Zirkus aus“, so die 59-Jährige. „Aber mir soll keiner erzählen, dass Kinder nicht zu uns kommen wollen“, in die zauberhafte Welt der Manege. „Eltern sagen oft: ,Der Zirkus baut ab.’ Dabei bauen wir gerade auf.“ Umso schwerer wiegen Investitionen, zumal Banken kein Darlehen gewähren würden. „Wir können kein gesichertes Einkommen nachweisen, also gibt es keinen Kredit.“

Doch trotz Widrigkeiten: Einen anderen Beruf kann sich Katharina Renz nicht vorstellen. Und den übe sie aus, so lange sie kann. „Wir müssen in die Manege. Wenn man den Applaus hört, vergisst man die Sorgen.“ Das wird auch in Zukunft so sein . Und im Winterquartier in Wesel Kraft getankt, ein Stückchen Heimat macht’s möglich.

Mange frei

Circus Max Renz gastiert noch bis Montag, 28. Mai, an der Schermbecker Landstraße „im gut temperierten Zelt“, wirbt das Familien-Unternehmen. Vorstellungen sind täglich um 16 Uhr, am Sonn- und Feiertag um 15 Uhr. Auf dem fast zweistündigen Programm stehen unter anderem Trapez-Artistik, Zauber-Illusionen, Akrobatik, Clowns und Tierdressuren. Erwachsene zahlen ab zwölf Euro, Kinder zehn Euro, ermäßigt zehn und acht Euro.

 
 

EURE FAVORITEN