Das Besondere im Normalen

Jonas Zachmann und seine Mutter bei der Lesung.
Jonas Zachmann und seine Mutter bei der Lesung.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Jonas Zachmann hat mit seiner Mutter ein Buch über das Erwachsenwerden mit Down-Syndrom geschrieben. Lesung im Gemeindezentrum Wittenberg in Wesel.

Wesel.  In vielerlei Hinsicht führt der 23-jährige Jonas Zachmann ein ganz normales Leben. Er wohnt in einer WG, arbeitet in einer Schreinerei, isst gern Pizza und Döner und liebt es zu tanzen. Doch er ist auch etwas besonderes: ein gefeierter Autor mit dem Down-Syndrom. Seine Mutter Doro Zachmann hat bereits zwei Bücher über sein Leben geschrieben, als er noch ein Kind war. Als er 18 Jahre alt war, wollte er mitmachen.

Mit einer Lesung aus dem zweiten gemeinsamen Werk: „Bin kein Star, bin ich“, war das Mutter-Sohn-Autorenduo aus Karlsruhe am Montagabend zu Gast im Gemeindezentrum Wittenberg. In dem Buch wird erzählt, wie Jonas langsam erwachsen wird: Der Auszug von Zuhause, die Suche nach einer Arbeit, der Alltag mit seinem Handicap. Dass er ausziehen wollte, war ihm schon früh klar, denn seine drei älteren Schwestern haben das elterliche Nest nach der Schule ebenfalls verlassen. 2012 war es dann soweit und ein passender Platz in einer betreuten WG gefunden.

Doch schon der Kauf von Wandfarbe für das neue Zimmer gestaltete sich als erste Herausforderung, wie Mutter und Sohn in ihrem Buch erzählen: „Mutti, lass mich, meine Entscheidung“, wies Jonas damals die mütterliche Hilfe zurück, denn eine Farbe wollte er selbst wählen. Wenn auch nach etwas unüblichen Entscheidungskriterien: „Eisblau?“ - „Zu kalt“, „Pfirsich?“ - „Mag ich nicht“, „Zitronengelb?“ - „Zu sauer“, „Terrakotta?“ - „Hübscher Name, nehm’ ich.“

„Gott mag mich, ich bin“

Auch wenn diese kleinen Dinge des Alltags manchmal etwas länger dauern, beschreiben Jonas und Doro Zachmann in ihrem Buch, wie Jonas unbeirrt und selbstbewusst durchs Leben geht. Und dass er auch sehr genau weiß, worauf es ankommt. So schreibt Jonas zwar, dass ihm die Arbeit in der Schreinerei der Lebenshilfe Spaß macht, aber er weiß auch: „Mir gefallen oder nicht, muss arbeiten.“

Dann und wann ist aber doch die elterliche Hilfe gefragt. So berichten die beiden von einem Erlebnis, als Jonas versehentlich im falschen Bus saß: „Mutti, ich bin im Bus, aber Bus fährt in die falsche Richtung“, erklärte er damals am Telefon. Oder von der „Döner-Geschichte“, wie sie bei den Zachmanns heißt, als er sich zwei Döner kaufte und einen für später aufheben wollte. Diese endete mit einer Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus. Aus solchen kleinen Unfällen lernt Jonas aber, wie er selbst schreibt, denn schon beim nächsten Mal lief es besser: „Gleich gegessen den Döner, nichts aufgehoben, weil ich gelernt habe.“

Dass Jonas anders ist als andere Menschen, beschäftigt ihn seit der Pubertät. Doch mittlerweile hat er zu einem selbstbewussten Umgang damit gefunden: „Jeder Mensch ist Unterschied von den anderen und alle gleich wären, sonst Langeweile“, schreibt er in seinem Buch. Inzwischen weiß er: „Down-Syndrom oder nicht, spielt dem keine Rolle“.

Immer wieder darüber reden, möchte er aber auch nicht. „Das nervt, das Thema“, schreibt er ganz klar: „Keiner ist perfekt, aber ist gut so. Gott mag mich, ich bin“.

Und in seinen Hobbies und Leidenschaften ist er nicht anders als andere junge Erwachsene. „Mein Laptop ist die beste“, erzählt er in seinem Buch, doch den darf er nur am Wochenende benutzen, weil er sonst die ganze Nacht Filme schaut und nicht schläft. Seine zweite Leidenschaft ist das Essen: „Essen ist mein Ding, ich liebe es“, erzählt er verschmitzt. Und auch ein Tanzkurs in der Lebenshilfe bereitet ihm großen Spaß. Zu Salsa, Walzer, Cha-Cha-Cha und Rumba lässt er dort seine Hüften kreisen.

Zum Abschluss der Lesung stellte er das unter Beweis und legte er eine flotte Sohle auf das Parkett der Bühne im Gemeindezentrum.

Die Lesung war eine der Sonderveranstaltungen, die es ihm Rahmen des Stadtjubiläums im Gemeindezentrum Wittenberg gibt. Schon am Mittwoch, 16. März, steht ein weiteres Highlight auf dem Programm: Das Gitarrenduo „Café del Mundo“ mit ihrem Flamencoprogramm „In Passion“.

 
 

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