Ausgegrenzt, vertrieben, ermordet

So sah es im Geschäft der jüdischen Familie Zaudy aus. Das Foto entstand nach dem Umbau im Jahr 1928. Repro:Markus Weißenfels
So sah es im Geschäft der jüdischen Familie Zaudy aus. Das Foto entstand nach dem Umbau im Jahr 1928. Repro:Markus Weißenfels
Foto: WAZ FotoPool
Am 9. November vor 77 Jahren ging auch in Wesel die braune Saat auf – Gedenken an die Pogromnacht: Der Jüdisch-Christliche Freundeskreis gibt den Opfern ein Gesicht. Briefe aus der Zeit des Terrors

Wesel..  Margarete Brandenstein-Zaudy war eine engagierte Frau. Nicht nur, dass sie das hochmoderne Einrichtungshaus an der Brückstraße führte, sie engagierte sich auch im sozialen, politischen und künstlerischen Bereich. Die jüdische Kauffrau, Jahrgang 1881, gründete zum Beispiel 1912 den Städtischen Musikverein Wesel mit. Sie förderte die Weseler Künstlerin Eva Brinkman, von der die Trauernde Vesalia auf dem Friedhof an der Caspar-Baur-Straße stammt, und sie kämpfte für die Kriegswitwenrente.

Um eine ihrer beiden Töchter, um Luise Brandenstein, geht es diesmal auch bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht vom 9. November 1938 (siehe Box). Der Jüdisch-Christliche Freundeskreis hat sie organisiert, so wie in den letzten Jahren auch. „Wir möchten damit an das erinnern, was die Türen nach Auschwitz geöffnet hat“, sagt Wolfgang Jung vom Freundeskreis und verweist auf Parallelen in der Gegenwart.

Zwar gibt es momentan auf der einen Seite eine großartige Willkommenskultur für die Flüchtlinge, gleichzeitig aber auch einen Anstieg fremdenfeindlicher, nationalistischer und antisemitischer Haltungen.

Die Stimmung ändert sich

In Erinnerung an das Pogrom vor 77 Jahren wird in gut einer Woche anhand von Briefwechseln dokumentiert, wie es junge Menschen damals hautnah erlebt haben, dass sich die Bedingungen für sie als Teil der jüdischen Minderheit veränderten. Es sind Briefe zwischen Luise Brandenstein, die damals Anfang 20 war und in Münster Medizin studierte, und Martha Benjamin, Hauslehrerin der Brandenstein-Zaudy-Töchter. Aber auch der Schriftverkehr mit Lou Berkenkamp-Scheper spielt eine Rolle, eine gebürtige Weselerin, die eine führende Frau in der Bauhausbewegung war und damals schon in Berlin lebte, wo sie das Innere der Philharmonie farblich gestaltete.

Die Dokumente, die aus den Jahren 1933 bis 1935 stammen, machen deutlich, wie die Stimmung sich nach und nach verändert. Plötzlich darf Luise nicht mehr so studieren wie ihre Kommilitonen, es gibt immer mehr Verbote und Ausgrenzungen. Paul Borgardts, Leiter des Städtischen Bühnenhauses, der am 9. November auf der Hinterbühne die historischen Zusammenhänge erläutern wird während die Münsteraner Schauspielerin Anja Bilabel aus den Briefen liest, hat sich lange mit dem Thema beschäftigt. Jüdische Mitbürger durften plötzlich keinem Sportverein mehr angehören, sie erhielten keine öffentlichen Aufträge mehr und sie durften noch nicht einmal Haustiere halten, um nur einige der vielen Einschränkungen zu nennen.

Die Synagoge brennt

Am Ende standen jüdische Geschäfts- und Wohnhäuser sowie die Synagogen in Flammen – auch in Wesel. Der von den Nazis geschürte und organisierte Antisemitismus führte zu Vertreibung und Massenmord. Auch Martha Benjamin starb in einem Konzentrationslager. In Auschwitz. Als in einem der entdeckten Briefe von ihr die Rede war, war sie längst tot. Der Vater von Luise und Nelly Brandenstein wurde in Treblinka ermordet, die Mutter war bereits 1930 einem Krebsleiden erlegen und ist in Wesel begraben.

Bürgermeisterin Ulrike Westkamp erinnert an die lebendige jüdische Gemeinde in Wesel, die es vor dem Holocaust gab. Damals, als auch der Städtische Musikverein gegründet wurde. Die Tradition, die zu Margarete Brandenstein-Zaudys Zeiten eingeführt wurde, dass die Künstler nach den Vorstellungen bewirtet werden, gibt es bis heute.

 
 

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